USA kritisieren Führung in Kabul, Kanada nimmt 20.000 gefährdete Afghanen auf

Die US-Regierung wirft der politischen und militärischen Spitze Afghanistans – angesichts des raschen Vormarsches der Taliban – mangelnde Kampfbereitschaft vor. Vor einer humanitären Katastrophe warnt der UNHCR. Kanada kündigte die Aufnahme von 20.000 Afghanen an, die aktuell besonders gefährdet sind.

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Soldaten an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Derzeit befinden sich mehr als drei Millionen Afghanen auf der Flucht – darunter gibt es aber auch viele Binnenflüchtlinge.
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Kabul, Washington – Die militant-islamistischen Taliban haben in Afghanistan ihre Gebietsgewinne rasch fortgesetzt und binnen einer Woche mehr als die Hälfte aller Provinzhauptstädte eingenommen. Am Samstag waren 18 der 34 Provinzhauptstädte unter Kontrolle der Islamisten. Die USA werfen der politischen und der militärischen Spitze Afghanistans nun mangelnde Kampfbereitschaft vor. Es mangle am „Willen, sich dem Vormarsch der militanten Islamisten zu widersetzen“, so das Pentagon.

Das sei „beunruhigend“ zu sehen, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, dem Sender CNN am Freitag (Ortszeit). Die USA hätten den „fehlenden Widerstand“ durch die afghanischen Streitkräfte nicht vorhersehen können. Die afghanischen Sicherheitskräfte seien den Taliban in Bezug auf Ausrüstung, Training und Truppenstärke überlegen und verfügten über eine eigene Luftwaffe.

Pentagon-Sprecher: „Geld kann keinen Willen kaufen“

Mit Blick auf die finanzielle Unterstützung der US-Regierung für die Sicherheitskräfte fügte Kirby hinzu: „Geld kann keinen Willen kaufen.“ Dafür sei die politische und militärische Führung der Afghanen zuständig. Die Kampfbereitschaft sei nötig, um zu verhindern, dass die Taliban das ganze Land unter ihre Kontrolle bringen, warnte der Sprecher.

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani schwieg lange zur Lage. Am Freitagnachmittag (Ortszeit) teilte sein Vizepräsident Amrullah Saleh mit, in einer Sicherheitssitzung im Präsidentenpalast sei entschieden worden, weiter der „Armee der Ignoranz und des Terrors“, damit meinte er die Taliban, entgegenzustehen. Man werde den Sicherheitskräften alle dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Es wird geschätzt, dass es rund 300.000 Sicherheitskräfte und 60.000 Taliban-Kämpfer gibt.

📽 Video | Analyse der Afghanistan-Situation

Nach der zweitgrößten Stadt Kandahar in der Nacht und der Stadt Lashkar Gah in der Früh eroberten die Taliban mit Pul-e Alam in der Provinz Logar eine Provinzhauptstadt nur 70 Kilometer südlich der Hauptstadt Kabul. Aus Sicherheitskreisen heißt es seit längerem, dass in der Provinz Logar Taliban-Kämpfer für einen Angriff auf Kabul versammelt werden.

UN-Generalsekretär Guterres: „Afghanistan gerät außer Kontrolle“

UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnte vor einer Verschlechterung der Lage. „Afghanistan gerät außer Kontrolle“, erklärt er und fordert die Taliban auf, ihre Offensive sofort zu stoppen. Die Staatengemeinschaft müsse deutlich machen, dass „eine Machtergreifung durch militärische Gewalt ein aussichtsloses Unterfangen ist“. Dies könne nur „zu einem längeren Bürgerkrieg oder die komplette Isolation Afghanistans führen“.

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird die Lage der Menschen in Afghanistan immer verzweifelter. „Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe“, sagte eine Sprecherin des UNO-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) am Freitag in Genf. Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten. Inzwischen sei die Lebensmittelversorgung von etwa einem Drittel der Bevölkerung nicht mehr sichergestellt, erklärte ein Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP). Allein zwei Millionen Kinder seien auf Hilfe angewiesen. Die Lage werde immer unübersichtlicher.

Mehrerer Länder evakuieren Botschaftsmitarbeiter und Staatsbürger

Mehrere Staaten bereiten sich mittlerweile auf die Evakuierung ihrer Botschaftsmitarbeiter und anderer Staatsbürger vor. Die US-Streitkräfte verlegen sofort rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul. Damit solle eine geordnete Reduzierung des US-Botschaftspersonals unterstützt werden, hieß es von einem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums. Nach Informationen der „New York Times“ haben US-Unterhändler Vertreter der Taliban gebeten, die US-Botschaft in Kabul nicht anzugreifen, falls sie die Regierungsgeschäfte übernehmen und jemals ausländische Hilfe bekommen wollen.

Zudem verlegen die USA demnach bis zu 4000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1000 nach Katar – für den Fall, dass Verstärkung gebraucht wird. Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan solle aber bis 31. August abgeschlossen werden, so der Sprecher am Donnerstag (Ortszeit).

Kanada will 20.000 gefährdete Afghanen aufnehmen

Auch Großbritannien will rund 600 zusätzliche Soldaten schicken, um die Rückführung von Briten aus Afghanistan zu sichern. Zuletzt hatte US-Präsident Joe Biden am Donnerstag im Weißen Haus erklärt, die Afghanen müssten nun „selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen“.

Kanada will mehr als 20.000 gefährdete Afghanen aufnehmen, um sie vor den Taliban zu schützen. Dazu zählten unter anderen Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und weibliche Führungskräfte. Das teilte Marco Mendicino, Minister für Einwanderung, Flüchtlinge und Staatsbürgerschaft, am Freitag (Ortszeit) mit. Diese Personen würden zusätzlich aufgenommen.

Derzeit offenbar zwei Österreicher in Afghanistan

Dänemark und Norwegen wollen angesichts des Vormarsches der Taliban vorübergehend ihre Botschaften in Kabul schließen. Deutschland und Schweden kündigte am Freitag an, das Personal ihrer Botschaften in Kabul in den nächsten Tagen zu reduzieren. Österreich unterhält in Kabul keine Botschaft, der Amtsbereich Afghanistan wird von Islamabad aus betreut.

Das Außenministerium in Wien weiß aktuell von insgesamt zwei österreichischen Staatsbürgern, die sich derzeit in Afghanistan aufhalten, wie eine Sprecherin am Freitagabend mitteilte. Bei den beiden Österreichern handle es sich um reiseregistrierte Personen, und man versuche, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Auslandsösterreicher, also längerfristig dort lebende Österreicher, halten sich nach Wissen des Außenministeriums keine mehr in Afghanistan auf.

Moskau sieht Hoffnung auf diplomatische Lösung schwinden

Nach Ansicht des russischen Außenministers Sergej Lawrow schwindet die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des Konflikts in Afghanistan. „Wir sprechen mit allen mehr oder weniger bedeutenden politischen Kräften in Afghanistan – sowohl mit der Regierung als auch mit den Taliban“, sagte er am Freitag bei einem Besuch in dem südrussischen Dorf Sambek der Agentur Interfax zufolge. „Wir sehen aber, wie schwierig es ist, in der afghanischen Gesellschaft einen Konsens zu finden.“

Zugleich verurteilte Lawrow das Vorgehen der Taliban. Sie hätten beschlossen, die Situation militärisch zu lösen. „Sie erobern immer mehr Städte und Landkreise. Das ist falsch“, sagte er. Russland hat sich wiederholt für einen Dialog zwischen der afghanischen Regierung, den Taliban und anderen Gruppen des Landes ausgesprochen – und dafür auch Konferenzen organisiert, um die Gespräche voranzutreiben. (APA/dpa/Reuters)


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