„Intolleranza 1960“: Ein sinnlicher Aufschrei gegen Ungerechtigkeit

Im wahrsten Wortsinn grauenhaft, weil das Grauen haften bleibt: Luigi Nonos azione teatrale „Intolleranza 1960“ bei den Salzburger Festspielen.

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In Jan Lauwers’ Inszenierung von „Intolleranza 1960“ stehen bis zu 200 Performerinnen und Performer auf der Bühne der Felsenreitschule.
© SF/Vanden Abeele

Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – In diesem Stück werden wir alle angeklagt: lautstark, brutal, gnadenlos. Luigi Nonos vor gut 60 Jahren in Venedig uraufgeführte azione teatrale „Intolleranza 1960“ war damals geprägt vom Algerienkrieg, aber das Stück will zeitlos sein, Grundfragen unserer Existenz – in Frage – stellen. Im Zentrum steht das Schicksal eines Emigranten, der durch eine zerstörte Welt irrt. Er erlebt Inhaftierung, Folter, begegnet aber auch einer Frau, die ihm zur Seite steht, wenngleich auch nicht ganz konfliktfrei. In Salzburg singt und spielt Sean Panikkar diese Partie und er bewältigt sie überragend, inklusive einer ganzen Palette von hohen und höchsten Schmerzenstönen. Sarah Maria Sun ist seine Gefährtin und zieht alle vokalen Register, Anna Maria Chiuri überzeugt in einer weiteren wichtigen Rolle, die einfach nur „una donna“ heißt. Luigi Nono schrieb selbst das Libretto, er verwendete Texte unter anderem von Sartre, Brecht oder Wladimir Majakowski. Die musikalische Textur ist überaus reichhaltig, filigrane Chöre stehen etwa neben irrsinnig grellen, harten Schlagwerktutti.

Inszeniert wird „Intolleranza“ von Jan Lauwers, der vom Schauspiel kommt und mit seiner Truppe „Needcompany“ gerne drastisch, direkt und oft auch ziemlich plakativ arbeitet. Lauwers suchte und fand hier nun einen anderen Zugang. Das Licht spielt eine große Rolle, manches findet im Halbdunklen statt, oft schälen sich die Figuren aus einer großen Menschenmenge heraus. Diese Masse besteht aus einem multikulturell besetzten Sängerensemble sowie einer riesigen Anzahl von Tänzerinnen und Tänzern. Insgesamt sind rund 200 Mitwirkende auf der Bühne, die meisten bleiben die meiste Zeit anwesend und kommentieren tänzerisch das Geschehen oder sind einfach nur präsent. Jan Lauwers’ Sohn Victor spielt auch mit, als blinder Poet, erst als zitterndes Wesen im hellen Anzug, später als Folteropfer.

Nonos Musik wird von den Wiener Philharmonikern und der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor realisiert, das Schlagwerk ist links und rechts oberhalb des Orchestergrabens positioniert, aus pragmatischen Gründen, aber auch, weil so ein wunderbarer Raumklang entstehen kann. Schlicht brillant einmal mehr der Nono-Experte Ingo Metzmacher am Pult, Paul Jeukendrup sorgt für die perfekte Koordination einiger Zuspielungen, auch der Chor wird nach den Vorgaben des Komponisten mal live, mal vom Band eingesetzt.

Gezeigt wird „Intolleranza“ in der Felsenreitschule, die berühmten Arkaden sind größtenteils zugemauert, darauf die Projektion großformatiger Videos. Manches ist live gefilmt, da sieht man etwa eine nochmalige Vergrößerung der ohnehin schon großen Masse auf der Bühne. Einmal wird minutenlang eine stillende Mutter mit ihrem sehr glücklichen Baby voller Urvertrauen gezeigt, während auch die Musik zaghaft von Hoffnung erzählt. Wenig später ist allerdings überall Blut.

Ergreifend eine Massen-Lach-Aktion, die abrupt ins Hysterische, Obszöne, Ekelhafte abgleitet. Trotz einer hohen Sinnlichkeit ist die Aufführung letztlich im Wortsinne grauenhaft, das Grauen bleibt haften und wirkt lange nach.


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