„Promising Young Woman“ im Kino: Oscarprämiert und bitterböse

Regisseurin Emerald Fennell erzählt in „Promising Young Woman“ von der Rache einer Frau.

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Cassandra (Carey Mulligan) wird zum Racheengel gegen übergriffige Männer.
© UPI/Universal

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Toxic“ ist in diesem Film nicht nur der Song von Britney Spears im Soundtrack. „Promising Young Woman“ ist der bitterböseste Film des Jahres – und einer der politisch spannendsten.

Carey Mulligan spielt Cassandra. Sie arbeitet in einem Café und wohnt bei den Eltern. Vor Jahren war sie Medizinstudentin, zusammen mit ihrer besten Freundin Nina. Cassie und Nina kannten sich seit Kindheitstagen. Beide waren eine „Promising Young Woman“, eine vielversprechende junge Frau.

Das Ereignis, dem Nina zum Opfer fiel, wird langsam aufgeklärt. Es hat mit übergriffigen #MeToo-Männern, einer toxischen Studentenatmosphäre und fehlender Unterstützung zu tun.

Doch die Geschichte, für die Emerald Fennell den Drehbuch-Oscar holte, dreht sich um Cassies Rachefeldzug in der Gegenwart.

📽️ Video | Trailer zu „Promising Young Woman“

Wir begegnen ihr in einer Bar. Sturzbetrunken wird sie von einem der Männer angesprochen. Er fragt, ob alles in Ordnung sei, ob er sie mit dem Taxi heimbringen könne. Ob er sie küssen und berühren dürfe, fragt er nicht. Am Ende dieser großartig unangenehm-realistisch inszenierten Episode landet sein Name in einem kleinen Büchlein unter Cassies Bett. Die Liste von übergriffigen Typen und vermeintlichen netten Kerlen darin ist schon sehr umfangreich. Cassie wirkt gebrochen, gleichzeitig aber auch stark.

Als der Kinderarzt Ryan (ein charmant-quirliger Bo Burnham) sie in ihrem Café auffordert in seinen Café-Latte zu spucken, öffnet der Film eine romantische Perspektive. Doch gleichzeitig richtet sich Cassies Fokus auch auf die konkreten Täter und Mittäterinnen von damals. Das fantastische Finale dieser Rachegeschichte steigert noch einmal die bedrohliche Atmosphäre ebenso wie den schwarzen Humor.

Emerald Fennell ist in ihrem – hochschwanger, drei Wochen vor der Geburt abgedrehten! – Regiedebüt unglaublich stilbewusst und klar. Ähnlich bösartig wie zuletzt die überdrehte Netflix-Crime-Story „I Care a Lot“, ist ihr Film doch viel bedrohlich-realistischer. In teilweise knallbunten Bildern mit großartigem Set-Design wird eine tiefschwarze Geschichte erzählt, die politisch heißer und mutiger nicht sein könnte. Als #MeToo-Thriller beworben, wird dem Film dieses Hashtag-Label bei Weitem nicht gerecht. Die konkrete Geschichte ist hier kein Mittel zum Zweck und deutet doch in jedem Moment über die „Einzelfälle“ hinaus.

„Promising Young Woman” ist keine präzis ernste Analyse und kein moralisierendes Drama. Emerald Fennells raffinierter Thriller, der sich als bissige schwarze Komödie tarnt, macht durchaus sehr viel Spaß.

Das Lachen bleibt einem dabei aber im Halse stecken.


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