Das Schweigen wird lauter: „Dunkelblum“ von Eva Menasse

In Eva Menasses neuem Roman „Dunkelblum“ drängt in einer Kleinstadt an der österreichisch-ungarischen Grenze lang verdrängtes zurück ans Tageslicht.

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Eva Menasse erhielt für „Tiere für Fortgeschrittene“ 2017 den Österreichischen Buchpreis.
© APA/Schlager

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Im Sommer 1989 kommt etwas in Bewegung. Auch im Städtchen Dunkelblum an der österreichisch-ungarischen Grenze. Die große Geschichte frisst sich durch den Eisernen Vorhang, die ersten Geflüchteten aus der DDR kommen an – und ziehen weiter. Die Studierten aus der Hauptstadt hingegen bleiben länger. Sie wollen den lange vernachlässigten jüdischen Friedhof instand setzen. Und die Stadtoberen sorgen sich um die künftige Wasserversorgung des Örtchens. Auch deshalb muss umgegraben werden. Auf der Baustelle wird ein Skelett gefunden. Und ein Fremder, der im einzigen Hotel von Dunkelblum abgestiegen ist, stellt Fragen. Manche sind harmlos, andere unangenehm. Lästig sind sie allesamt.

In ihrem neuen Roman „Dunkelblum“ macht Eva Menasse die titelgebende Kleinstadt zur vielfigurigen Protagonistin. Dunkelblum ist eine Fiktion. Es steht für viele größere und kleinere Grenzorte. Und für Rechnitz im Burgenland im Speziellen. Dort wurden in der Nacht auf den Palmsonntag 1945 mehr als 150 jüdische Zwangsarbeiter von Nazischergen erschossen. Die beglaubigten Fakten über das Massaker sind überschaubar. Am 24. März traf ein Gefangenenzug in Rechnitz ein. Die Nazis trieben ihn vor sich her. Die Rote Armee war auf dem Vormarsch, der Krieg im Grunde entschieden. Auf dem Schloss der Grafen Batthyány wurde an diesem Tag gefeiert, ein Kameradschaftsabend, ein Durchhalteball. Die Gestapo war da, die SA und lokale Parteigänger. Manche davon dürften die Festgesellschaft für das Abschlachten der vom Todesmarsch ausgezehrten Arbeiter verlassen haben. Danach wurde weitergefeiert. Der Ort, an dem die Leichen verscharrt wurden, wurde bis heute nicht gefunden. Im Frühjahr 2021 teilte das Bundesdenkmalamt mit, die Suche nicht mehr fortsetzen zu wollen. Die Täter blieben größtenteils unbehelligt. Mögliche Zeugen nahmen ihr Wissen mit ins Grab.

Über das Massaker von Rechnitz ist in den vergangenen Jahren viel publiziert worden. 2008 wurde Elfriede Jelineks Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ uraufgeführt. Bereits 1994 zeichnete der Dokumentarfilm „Totschweigen“ von Margareta Heinrich und Eduard Erne die Geschehnisse nach. 2016 veröffentlichte der Journalist Sacha Batthyany – ein Nachkomme der Grafen vom Rechnitzer Schloss – seine Recherche „Und was hat das mit mir zu tun?“. Für Martin Pollack ist Rechnitz eine der in seinem gleichnamigen Buch beschriebenen „Kontaminierten Landschaften“, ein Ort, an dem vergrabene Geheimnisse bis in die Gegenwart Land und Leben vergiften.

An diesem Punkt setzt auch Eva Menasse in ihrem Roman an. Sie entwirft eine – wie es so schön heißt – bis zur Kenntlichkeit entstellte fiktive Topografie des verstockten Weiterwurstelns. Ihr Dunkelblum ist eine Anti-Idylle – und die Allegorie gutösterreichischer Geschichtsvergessenheit. Alles ist eh irgendwie nett und ganz gemütlich, klein und überschaubar. Jeder kennt jeden, alle wissen alles – und haben sich damit, ohne viel Aufhebens darum zu machen, arrangiert. Unter dieser Oberfläche – hinter den Fassaden schmucker Drogerien und Autohäuser – gärt und brodelt es. Weil das Schweigen der Alten immer däunender wird. Und auch die Nach- und Nachnachgeborenen belastet.

„Dunkelblum“ spielt auf drei Zeitebenen – in den letzten Kriegsmonaten, in den verbohrten Sechzigern und im Sommer 1989 als der Betonmantel des Verdrängens erste Risse bekommt. Das Massaker selbst spart der Roman aus. Es ist die zentrale Lehrstelle der Geschichte, um die Menasse ein generationenübergreifendes Tableau von Figuren und deren Geschichten gruppiert: Es gibt die Aufgeblasenen und Gernegroßen, alten Schurken und jungen Schufte, aber auch Ausgestoßene, Widerständige und nur vermeintlich Verrückte. So unübersichtlich das Mit-, Durch- und Gegeneinander der Figuren zunächst wirkt – die Orientierung im Dunkelblum’schen Kleinstadtkosmos fällt bisweilen etwas schwer –, so fein komponiert ist Menasses mit mehr als 500 Seiten bislang umfangreichster Roman.

„Dunkelblum“ verhandelt das Nachwirken eines ungeheuerlichen Verbrechens, das selbst zum Ungeheuer geworden ist, ohne dabei zum moralisierenden Text zu werden. Das liegt auch am Ton, den sie für ihre Erzählung fand. Menasse klagt nicht an, sie rechnet ab. Mit Tätern und Mitwissern, Verharmlosern und harmlosen Heuchlern, spöttisch distanziert, beinahe sarkastisch. Das macht das, was sie erzählt nicht weniger beklemmend, nicht weniger grauenvoll. Aber es beweist einmal mehr: Dem Dunkeln in der Welt kann man nur mit dunkelschwarzem Humor gerecht werden.

Kiepenheuer & Witsch, 525 Seiten, 25,70 Euro.


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