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Jean-Claude Juncker im TT-Interview: „Wir sind hartherzig geworden“

Der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker geißelt im TT-Interview das internationale Versagen in Afghanistan. Die EU-Osterweiterung verteidigt er, beim Klimaschutz habe die EU zu lange geschlafen.

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Für Jean-Claude Juncker hat die Pandemie gezeigt, dass nationale Alleingänge nicht zielführend sind.
© Angerer

Herr Juncker, Anfang Dezember 2019 haben Sie Ihr Amt als EU-Kommissionspräsident an Ursula von der Leyen übergeben, die nach wenigen Monaten mit der Corona-Pandemie konfrontiert war. Sind Sie froh, dass dieser Kelch an Ihnen vorübergegangen ist?

Jean-Claude Juncker: Nicht wirklich, obwohl ich mir am Anfang manchmal schon gedacht habe, dass es doch gut ist, dass ich nicht da bin. Die Kommission war auf derartige Herausforderungen nicht vorbereitet, weil sie keine Kompetenzen im Bereich der öffentlichen Gesundheit hat. Das ist ein Manko des europäischen Vertragswerks. Die Folge war, dass jeder Mitgliedsstaat sein eigenes Pandemiesüppchen gekocht hat. Erst als die Kommission den Auftrag erhielt, den Impfstoff im Namen aller und für alle zu bestellen, ging es aufwärts. Am Anfang war das eine Katastrophe, danach wurde es zusehends besser. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich das nicht hab’ tun müssen.

Hält dieser Zustand des Pandemiesüppchen-Kochens an?

Juncker: Nein, ich glaube, es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nationale Alleingänge nicht zielführend sind. Auch die stärkste Volkswirtschaft, das stärkste Mitgliedsland der EU hätte es aus eigener Kraft nicht geschafft, sich den Herausforderungen der Pandemie zu stellen. Es ist die Erkenntnis gewachsen, dass es bei großen globalen Herausforderungen das gemeinsame Zupacken der Europäischen Union und all ihrer Mitgliedsstaaten braucht und keine Solotänzer. Wir sind nach der Pandemie bessere Europäer.

Das haben Sie auch im Vorjahr gesagt.

Juncker: Ja, das ist nach wie vor meine Überzeugung. Die ist gewachsen, weil zurzeit eigentlich kein Land eine absolute Solonummer hinlegt.

Auch Österreich hat zum Beispiel bei der Impfstoff-Beschaffung einen Alleingang versucht.


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