„Boris Goudenow“ in den Kammerspielen: Barocke Russendisco

Ein schönes Spektakel mit Witz, Bosheit – und Kasperltheater im finalen Akt: Johann Matthesons „Boris Goudenow“ als Barockoper:Jung bei den Festwochen der Alten Musik.

  • Artikel
  • Diskussion
„Boris Goudenow“ mit Yevhen Rakhmanin, Julie Goussot und Joan Folqué (v. l.) hatte am Donnerstagabend in den Kammerspielen Premiere.
© Gufler

Von Jörn Florian Fuchs

Innsbruck – Wer zum Beispiel als kulturbegeisterter Tourist gerade durch Innsbruck stromert, der landet womöglich mitten im Barock, ohne es zu ahnen. Man liest „Boris Goudenow“ und denkt sich, da ist halt ein Schreibfehler drin, aber eine heißblütige Oper von Mussorgsky ist ja nicht das Schlechteste, gerade wenn das Wetter eher mäßig ist. Also nichts wie hin zum in ausdauernde Glockenklänge und rauschende Chöre verliebten Russen! Was man dann in den Kammerspielen im Haus der Musik zu hören bekommt, klingt freilich doch ein bisschen anders. Der Titel des Stücks lautet vollständig „Boris Goudenow oder Der durch Verschlagenheit erlangte Thron oder Die mit der Neigung glücklich verknüpfte Ehre“. Wir verneigen uns vor diesem Zungenbrecher und zitieren auch noch rasch die Vorlage: „Acerra exoticorum oder Historisches Rauchfaß“ verfasst von Erasmus Finx.

Der Komponist und Librettist der Oper war Johann Mattheson (1681–1764). 1710 sollte die Uraufführung an der Hamburger Gänsemarkt-Oper sein, doch das klappte nicht. Warum, darüber streiten Philologen und Musikologen bis heute. Fakt ist, dass 2005 in Hamburg die konzertante Premiere stattfand. Mit dem Inhalt brauchen wir uns nicht länger aufhalten, es gibt zwei russische Zaren und eine ordentliche Portion machtgeiles sowie liebestolles Personal mit unterschiedlichsten Pässen. Ein Schwede ist am Ende glücklich verbandelt, ein Däne entfernt, ein Russe (Boris) bekommt die Macht.

In der Regie der Britin Jean Renshaw wird aus alldem anfangs ein schönes Spektakel mit viel Witz, bissigen Bosheiten und einer Prise Epischem Theater à la Bert Brecht. Man spielt vor, an oder auf einem großen Tisch, es gibt einen Schauspieler mit Bärenmaske (Sebastian Songin), der für Stimmung und Verknüpfung mancher Szenen sorgt und am Ende sogar Ballett tanzt.

Der alte Zar wird vor seiner Ablösung eifrig gequält, etwa von vier Ärzten, die ihm einen Wodka-Einlauf verpassen wollen. Leider kaspert sich Renshaw im finalen Akt zu plump und banal durch die Handlung, weniger wäre mehr gewesen.

Auf der Bühne agieren junge Sängerinnen und Sänger, die dem Cesti-Wettbewerb entstammen und denen man ihre Nervosität oft anhört. Das geht in Ordnung, weil draufsteht, was drin steckt, die Aufführung findet ja statt im Rahmen der Reihe Barockoper:Jung. Erwähnen wir hier einfach die Besten: Joan Folqué (Tenor), Flore van Meerssche (Sopran), Yevhen Rakhmanin (Bass), Julie Goussot (Sopran). Was allen Künstlern und dem Publikum geholfen hätte: Kürzungen. Kein Mensch braucht die zahllosen Wiederholungen. Da capo bitte nur dort, wo es Sinn (und allen Spaß) macht!

Johann Mattheson (er-)fand für die teilweise arg verwickelten Geschehnisse schon viel Schönes, es hat aber Gründe, warum man heute seinen Zeitgenossen und damaligen Konkurrenten Reinhard Keiser mehr spielt, ganz zu schweigen von einem gewissen Händel, mit dem sich Mattheson sogar einmal duellierte. Die Klangsprache hat viel Leichtes, Luftiges und sogar Komödiantisches, das Andrea Marchiol am Pult des Ensembles Concerto Theresia wirklich gut in Szene setzt. Da hört man viel Herzblut und Emphase! Eine kleine Pointe zum Schluss: Ohne Mattheson würden Sie, verehrte Leserinnen und Leser, diesen Text womöglich gar nicht lesen (können), denn Johann Mattheson legte mit seiner Zeitschrift „Critica musica“ den Grundstein für das, was man heute Musikjournalismus nennt.

🎭 Boris Goudenow. Weitere Vorstellungen: So, 22. August, und Di, 24. August, um 20 Uhr in den Kammerspielen. www.altemusik.at


Kommentieren


Schlagworte