„Martin Eden“: Ein Aufsteiger im politischen Würfelspiel

Hauptdarsteller Luca Marinelli wurde für „Martin Eden“ in Venedig ausgezeichnet. Nun läuft der Film im Kino.

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Luca Marinelli und Jessica Cressy in Pietro Marcellos nach Neapel verlegter Verfilmung des Jack-London-Klassikers „Martin Eden“.
© Filmladen

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Bildung ist wie das Brot, mit dem sich die Soße der Armut aufwischen lässt. Diese Lebensweisheit gibt der Titelheld von Pietro Marcellos „Martin Eden“ beim Pasta-Essen zum Besten. Er ist ins Haus der reichen Familie Orsini eingeladen, zum Dank, weil er den Sohn vor einer Tracht Prügel am Hafen bewahrt hat. Martin Eden ist Matrose und Hilfsarbeiter. Und er ist intelligent und wissensdurstig. Die Tochter aus gutem Hause, Elena Orsini (Jessica Cressy), liefert ihm die willkommene Motivation, mehr aus sich zu machen. Vom Willen zum Wissen getrieben will er seinen proletarischen Wurzeln entkommen. Er liest und lernt, um ihr ebenbürtig zu werden. Sie und auch die beiden anderen kleinen Frauenrollen sind von Marcello und seinem Co-Autor Maurizio Braucci leider recht schablonenhaft angelegt. Die Titelfigur dieser epischen Aufsteigergeschichte überstrahlt alles. Martin Eden wird vom schlauen Matrosen zum intellektuellen Schriftsteller. Jack London hat den unverkennbar autobiografischen Roman 1909 nach seinem literarischen Durchbruch während einer Segelreise geschrieben, voller Abscheu über die verlogene Welt, in die er durch seinen Erfolg katapultiert wurde. Nun ist dieser Martin Eden vom kalifornischen Oakland nach Neapel übersiedelt. Pietro Marcello hat die Künstlerromangeschichte recht frei für seinen zweiten Spielfilm adaptiert und italianisiert.

📽️ Trailer | „Martin Eden“:

Hauptdarsteller Luca Marinelli spielt diesen zunächst getriebenen, später verbitterten nietzscheanischen Mann mit ordentlich Feuer und gewann dafür beim Filmfestival von Venedig den noch immer nach einem Faschisten benannten Schauspielpreis. Den Faschismus sieht man auch in „Martin Eden“ heraufziehen, die Leute sprechen von einem herannahenden Krieg. Martin sympathisiert zunächst mit den Sozialisten, inspiriert von seinem philosophischen Mentor Russ Brissenden (Carlo Cecchi). Später hadert er mit ihrem Unverständnis für seinen unbändigen Individualismus. Doch der recht flott geschnittene Film würfelt politische Debatten des 20. Jahrhunderts zwischen Kollektivismus und Individualismus wild durcheinander und legt sich doch auf kein bestimmtes Jahrzehnt fest. Das verwirrt auf eindrückliche Weise. Auch das Design, an- gereichert durch Archivfilmmaterial, mischt unauffällig die 70er-Jahre mit den 50ern und der Zwischenkriegszeit. Pietro Marcello und seine Kameramänner Alessandro Abate und Francesco Di Giacomo haben auf körnigem 16-Millimeter-Material gedreht. Das macht „Martin Eden“ wunderbar nostalgisch rau und insgesamt zu einer kraftvoll-neapolitanischen Kinoerfahrung.

🎬 Martin Eden. Ab 16 Jahren. Derzeit in den Kinos.


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