Bergiges als malerische Knetmasse: Nino Malfatti im vorarlberg museum

„Im Großen und Ganzen“: 99 Bergbilder des Tiroler Malers Nino Malfatti sind aktuell im Atrium des vorarlberg museums zu sehen.

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Nach vor Ort gemachten Skizzen und Fotos hat Nino Malfatti im heurigen Jahr in seinem Berliner Atelier dieses monumentale Bild der Kanisfluh gemalt.
© Eric Tschernow

Von Edith Schlocker

Bregenz –Als Nino Malfatti noch in seiner von Bergen umstellten Heimatstadt Innsbruck gelebt hat, hat er banale Fragmente des Realen wie Wäscheklammern, Flaschen oder Dosenöffner zum Inhalt seiner malerischen Weltvermessungen gemacht. Seit der inzwischen 81-Jährige allerdings im flachen Berlin lebt, malt der Absolvent der Wiener Akademie der bildenden Künste ausschließlich Berge. Ganz genau wissend, welche Fallen dieses Genre mit sich bringt, in die nicht zu tappen er akribisch auf der Hut ist. Um in seinen oft auf riesigen Leinwänden ausgebreiteten Bergbildern möglichst jedes Pathos zu vermeiden, wenn auch sein immer wieder neues Staunen vor dem Urgewaltigen unübersehbar ist.

„Im Großen und Ganzen“ heißt die Personale, die das vorarlberg museum Nino Malfatti zu seinem 80. Geburtstag widmet. Bestückt mit 99 Varianten des Bergigen, die im 23 Meter hohen musealen Atrium fast zu einem einzigen riesigen Berg zusammenwachsen. Gepuzzelt aus Motiven, die der Künstler in Tirol und Vorarlberg selbst erwandert, skizziert bzw. fotografiert hat, um sie später in seinem Berliner Atelier in Malerei zu verwandeln.

Nino Malfatti malend in seinem Berliner Atelier.
© Petra Rainer

Ins „Ländle“ geführt hat Nino Malfatti der Auftrag eines Vorarlberger Unternehmers, Berge wie die Zimba, den Piz Buin oder die Kanisfluh zu malen. In fast fotorealistischer Manier, die sich allerdings bei genauerem Hinschauen als eine höchst artifizielle erweist. Als ausgeklügeltes Spiel mit Licht und Schatten, Flächigem und Linearem, zelebriert in einer plakativ übersteigerten Farbigkeit. Was die Archaik der Motive zwar noch potenziert, sie aber gleichzeitig auch abstrahiert. Das Bild zum Austragungsort purer malerischer bzw. kompositorischer Fragestellungen macht, um den Betrachter auf diese Weise augenreizerisch höchst effizient herauszufordern.

Malend und zeichnend in seinem Berliner Atelier durchgehe er sozusagen ein zweites Mal diese Landschaften, nehme er die Formen und Anhäufungen, ihre Erosionen, Ausbrüche und Verwerfungen, die Stimmungen des Lichts und der Farbe aus ganz neuer Sicht wahr, sagt Nino Malfatti. Was das eigentliche Motiv und das Bild von diesem letztlich verbinde, sei nur noch seine äußerliche Wiedererkennbarkeit.

Was auffallend an Nino Malfattis Bildkosmos ist, ist die absolute Absenz von Menschen bzw. der Spuren, die diese in der hochgebirgigen Landschaft hinterlassen haben. Selbst die Vegetation spielt in diesen Szenarien nur eine untergeordnete Rolle. Um das Grün des Waldigen oder das satte Gelb herbstlicher Bergwiesen als Stimmungsträger in das Setting einzubringen. Als Metapher für das Lebendige, sich im Jahreskreis immer wieder Wandelnde, letztlich für Leben und Tod. Im Gegensatz zum „Ewigen“ des Steins, dem Unverrückbaren und Unbezwingbaren, letztlich dem Göttlichen, aber auch dem Harten, das der Künstler mit seiner alten Heimat verbindet. In die es ihn trotz oder vielleicht gerade deswegen allsommerlich zurückzieht.


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