Tosca in Salzburg zwischen Knallpatronen und Perchtoldsdorf

Anna Netrebko und Ludovic Tézier beherrschten eine brave bis peinliche „Tosca“ bei den Salzburger Festspielen.

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Wahre Liebe in der Kirche: Tosca (Anna Netrebko) herzt Rosen, ihr Lover Cavaradossi (Yusif Eyvazov) freut sich sehr.
© SF / Marco Borrelli

Von Stefan Musil

Salzburg – Natürlich galt ihr alle Aufmerksamkeit: Anna Netrebko. Viermal ist sie bei den Salzburger Festspielen heuer als Puccinis im Rom des Juni 1800 gefeierte Sängerin Floria Tosca angesetzt. Und die Diva sorgte schon vorab für Spannung: Sie sagte die Generalprobe ab. Offiziell wegen einer Verkühlung, deren Heilung bis zur Premiere gleich dazu vorausgesagt wurde.

Und es wurde wahr. Große Gala, sogar ohne Premiere, denn man übernahm die Inszenierung von Michael Sturminger von Ostern 2018. Man hätte es bleiben lassen können. Sein Versuch, das Liebes- und Politdrama in ein Mafia-Epos zu verwandeln, hat keinen Mehrwert. Noch bevor das Orchester einsetzt, gibt es hier eine Schießerei in einer Tiefgarage, die sich unter der Kirche Sant’Andrea della Valle befindet. Warum erschließt sich nicht. Dafür zieht muffig billiger Knallpatronendampf durchs Auditorium, wo sonst Weihrauch strömt. Sturminger versetzt die an ihren historischen Schauplätzen festgemachte Oper ins Heute. Tosca rauscht mit Sonnenbrille zu ihrem Geliebten Cavaradossi durchs Kirchenschiff, bei Scarpia im Palazzo Farnese arrangiert man zu den Renaissance-Fresken Espressomaschine, Wasserspender, Ledersofa und Designerlampe. Polizeichef Scarpia ist hier auch Mafia-Boss, der sogar Knaben zu Killern ausbildet. Diese Kinderarmee erschießt dann Cavaradossi. Nicht auf der Engelsburg, sondern auf einer Dachterrasse mit Blick auf die Peterskuppel. Sturminger braucht ein Ende mit Knalleffekt: Tosca hat im Palazzo Farnese zu schwach zugestochen. Scarpia überlebt. Als Schlussgag taucht er wieder auf und streckt Tosca mit einem Pistolenschuss nieder. Aufgesetzte Mätzchen, die die konventionell uninteressante Personenführung nicht verstecken können.

Es erinnert an die Freilufttheater-Würfe, die der Regie führende Intendant der Sommerspiele von Perchtoldsdorf, einem Weinort bei Wien, etwa mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ und „Sturm“ oder Tschechows „Onkel Wanja“ verantwortet hat. Sturminger pflegt dabei eine bürgerlich gezähmte, brav unmutige Zeitgenossenschaft mit feschem Wohlfühlfaktor. In Perchtoldsdorf sind meist seine Ausstatter Andreas Donhauser und Renate Martin am Werk, die auch in Salzburg Boutiquen fesch wirkten. Im Zentrum dabei eine dank Swarovski-Steinchen mächtig rot glitzernde Robe, die Tosca im Palazzo Farnese trägt, und der im Vorfeld sogar eine ganze Pressekonferenz – ohne Netrebko – gewidmet war.

Die Diva trug ihr Divenkleid jetzt würdig, sang dementsprechend und wie erwartet mit Leidenschaft und Leuchtkraft. Sie tritt auf und beherrscht die Bühne. Fast so gut, wie es ihr bei einer Lockdown-TV-Aufzeichnung in der Wiener Staatsoper letzten Dezember gelang. Dort stand ihr wie jetzt auch in Salzburg Ehemann Yusif Eyvazov als kraftvoll einspuriger Cavardossi zur Seite. Ludovic Tézier, schon der Scarpia der Osterpremiere, ist als schmieriger Pate stimmlich eine Klasse für sich. Als Angelotti machte Michael Mofidian blendende Figur und Alexander Köpeczi (Un carceriere) ließ mit tollem Bass aufhorchen. Im Graben passte Marco Armiliato den üppigen Orchester-Sound der Wiener Philharmoniker überbreit dem Cinemascope-Format der Bühne an, was auf Kosten der Spannung ging. Das kümmerte das Publikum weniger. Es feierte kurz und heftig seine Netrebko während und nach der Aufführung, bejubelte Tézier, nahm Eyvazov freundlich hin und buhte Sturminger aus.


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