Biden warnt vor wachsender Anschlagsgefahr am Flughafen Kabul

Der Flughafen Kabul ist eine internationale Insel im Machtgebiet der Taliban. US-Präsident Biden setzt aber auf ein baldiges Ende des Evakuierungseinsatzes. Er warnt: Mit jedem Tag wird es gefährlicher. Auch Deutschland will die Luftbrücke aus Kabul in wenigen Tagen beenden.

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Biden verteidigt den Truppenabzug und das geplante Ende des Evakuierungseinsatzes.
© JIM WATSON

Washington, Kabul – US-Präsident Joe Biden hat vor einer wachsenden Terrorgefahr am Flughafen in Kabul gewarnt. Jeder Tag, den man wegen der Evakuierungen länger vor Ort bleibe, sei ein weiterer Tag, an dem ein örtlicher Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat versuche, den Flughafen anzugreifen, sagte Biden. Es gebe die „akute und wachsende Gefahr eines Anschlags“, sagte er am Dienstag in Washington (Ortszeit) nach einer Videoschalte der G7-Staats- und Regierungschefs zur Lage in Afghanistan. Die USA halten daher vorerst an ihrem Plan fest, ihre Truppen bis zum 31. August aus Afghanistan abzuziehen. „Je früher wir es abschließen, desto besser“, sagte Biden.

Ein U.S. Marine zeigt Kindern, die am Flughafen Kabul auf ihre Evakuierung warten, seine Kamera.
© US Marine Corps

Nach Angaben des US-Präsidenten bestand bei den G7-Beratungen am Dienstag Einigkeit darüber, dass die Anerkennung einer künftigen Regierung in Afghanistan von zahlreichen Bedingungen abhängen würde. „Wir sind uns einig, dass niemand von uns die Taliban beim Wort nehmen wird. Wir werden sie nach ihren Taten beurteilen, und wir werden uns eng über alle Schritte abstimmen“, sagte Biden. Entscheidend sei etwa, ob die Taliban internationalen Verpflichtungen nachkämen und verhinderten, dass Afghanistan erneut als „Basis für Terrorismus“ genutzt werden könne.

📽️ Video | Biden verteidigt Truppenabzug aus Afghanistan

Mit Blick auf den Ableger des IS (Daesh) sagte Biden, die Terrorgruppe sei auch ein erklärter Feind der Taliban. Mit einem Anschlag auf den Flughafen könnte der IS-Ableger die Glaubwürdigkeit der Taliban als neue Machthaber erschüttern und auch ausländische Truppen treffen, die der Gruppe verhasst sind, so die Logik. Die Taliban kontrollieren das Gebiet rund um den Flughafen.

Die militanten Islamisten haben Mitte August die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Biden ordnete daher eine Verstärkung der US-Truppen am Flughafen Kabul an, um eine Evakuierung westlicher Staatsbürger, afghanischer Ortskräfte und anderer Schutzbedürftiger zu ermöglichen. Derzeit sind dort mehr als 5000 US-Soldaten im Einsatz.

Von der US-Luftwaffe und den Verbündeten seien seit dem 14. August insgesamt 70.700 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen worden, erklärte Biden. Angesichts des Fortschritts bei den Evakuierungen solle am Abzug bis Ende August, also bis spätestens kommenden Dienstag, festgehalten werden. Biden fügte aber hinzu, er habe das Außen- und Verteidigungsministerium angewiesen, Alternativpläne zu erarbeiten, um den Zeitplan des Abzugs anzupassen, falls das nötig sein sollte. Die Fortführung des Einsatzes hänge auch von der Kooperation der Taliban ab.

Diese Menschen haben es geschafft: Sie dürfen an Bord eines Evakuierungsflugzeugs.
© SAMUEL RUIZ

Einige internationale Partner hatten die USA zu einer Verlängerung des Einsatzes aufgefordert, um noch mehr Zeit für die Evakuierungen zu haben. Der Militäreinsatz ist von den US-Truppen abhängig.

„Wir waren uns heute alle einig, dass wir mit unseren engsten Partnern Schulter an Schulter stehen werden, um die aktuelle Herausforderung in Afghanistan zu meistern“, sagte Biden mit Blick auf die G7-Gespräche. Man werde auch künftig mit vereinten Kräften zusammenarbeiten, versprach er.

📽️ Video | G7-Gipfel: „Müssen irgendwie mit Taliban umgehen“

Deutsche Luftbrücke soll in wenigen Tagen enden

Die deutsche Bundesregierung plant indes ein Ende der militärischen Rettungsflüge aus Afghanistan noch vor dem Wochenende. Der letzte Flug der Luftbrücke für deutsche Staatsbürger und gefährdete Ortskräfte könnte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur demnach bereits am Freitag organisiert werden. Die Regierung reagiert damit auf das Festhalten der USA am Abzugsdatum 31. August. Zunächst hatte das Wirtschaftsmagazin Business Insider berichtet.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte dazu am Mittwoch, er könne Medienberichte dazu weder dementieren noch bestätigen. Am Vortag seien mit fünf Flügen insgesamt 983 Menschen aus Kabul ausgeflogen worden, seit Beginn der Luftbrücke 4654 Menschen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte erklärt, die Bundeswehr werde Menschen ausfliegen „solange es geht, so viele wie möglich“.

Malala Yousafzai „bricht das Herz“

Die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai hat sich indes erschüttert über die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan gezeigt. In einem Blog-Eintrag, den sie am Dienstagabend veröffentlichte, berichtete sie ausführlich über ihren Genesungsprozess von dem Kopfschuss, den sie als 15-Jährige durch die Taliban in ihrem Heimatland erlitten hatte. Sie habe kürzlich ihre sechste Operation in der US-Metropole Boston hinter sich gebracht, so die 24-Jährige.

„Neun Jahre später erhole ich mich noch immer von einer einzigen Kugel.“ Die Menschen in Afghanistan hätten Millionen von Kugeln in den vergangenen vier Jahrzehnten abbekommen. Sie fügte hinzu: „Mir bricht das Herz für diejenigen, deren Namen wir vergessen oder niemals kennen werden, deren Hilferufe nicht beantwortet werden.“ (dpa)


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