Countdown für das Ende der Evakuierungsaktion in Kabul: Was kommt danach?

In Kabul versuchen mehrere Staaten noch verzweifelt, vor dem Ende der Evakuierungsflüge Ende August noch so viele Menschen wie möglich zu retten. Wie es danach weitergeht, ist unklar.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
Menschen steigen in ein Flugzeug der deutschen Bundeswehr.
© imago

Von Carsten Hoffmann und Michael Fischer/dpa

Berlin, Kabul – Das Zeitfenster für die militärische Evakuierung aus Afghanistan schließt sich nun schneller, als in Europa erhofft. Wohl nur bis Freitag bleibt, um etwa 300 Deutsche, darunter vor allem Doppelstaatler, sowie noch deutlich mehr einheimische Ortskräfte aus Kabul mit der Bundeswehr auszufliegen – ein praktisch unmögliches Unterfangen. Am Wochenende muss der Einsatz beendet sein, nachdem die US-Regierung an einem Abzug ihrer Truppen bis Dienstag festhält.

Das Rennen gegen die Zeit nehmen Deutschland und die Verbündeten auch mit dem Einsatz von Spezialkräften auf. Schutzbedürftige werden zu einem Sammelpunkt bestellt und – wie bei einem Einsatz in der Nacht zum Mittwoch – mit Beteiligung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) abgeholt. Das Problem: Ein solcher Treffpunkt ist nach dem Abflug von Hubschraubern oder geschützten Wagen "verbrannt". Er kann kein weiteres Mal benutzt werden.

📽️ Video | Schwierige Evakuierung aus Afghanistan

Vorgeschmack auf weiteres Vorgehen

Deswegen setzen NATO-Staaten unter Führung der USA auch auf Absprachen, die nun mit den militant-islamistischen Taliban als faktischer Ordnungsmacht getroffen werden. Diese geleiteten bereits multinationale Konvois durch ihre Kontrollstellen Richtung Flughafen, wie Abgeordnete im Verteidigungsausschuss am Mittwoch erklärt wurde. Durchaus "verlässlich" seien sie bei dieser Art Absprachen, die einen Vorgeschmack auf das weitere Vorgehen in Afghanistan geben können.

TT-ePaper testen und eine von 150 Jahre-Vignetten 2021 gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

TT ePaper

Seit Tagen arbeitet die deutsche Bundesregierung an einem Plan B für den schon befürchteten frühen Abzug der US-Amerikaner. Dabei ist eins klar: Ohne die Taliban geht nach dem 31. August nichts mehr. Das machte auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag deutlich: "Die Taliban sind jetzt Realität in Afghanistan. Diese neue Realität ist bitter, aber wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen."

Taliban versprechen weiter Ausreisemöglichkeit

Der deutsche Diplomat und Afghanistan-Experte Markus Potzel führt seit Tagen im Golfemirat Katar Gespräche mit Taliban-Vertretern über die Evakuierungsaktion. Die Taliban haben in den Verhandlungen mit der deutschen Bundesregierung zugesagt, dass Afghanen auch nach dem für den 31. August geplanten US-Truppenabzug das Land verlassen dürfen, wie Potzel nach Gesprächen mit dem Vizechef des politischen Büros der Taliban in Katar, Shir Mohammed Abbas Staneksai, twitterte. Dieser habe ihm versichert, dass Afghanen mit gültigen Ausweisdokumenten nach dem 31. August weiterhin die Möglichkeit haben werden, mit kommerziellen Flügen auszureisen.

Ein weiterer Betrieb für Starts und Landungen ziviler Gesellschaften ist nach Einschätzung deutscher Militärs allerdings zunächst fraglich, wenn nicht unwahrscheinlich. Der zivile Teil des Flughafens ist praktisch geplündert, der militärische Teil ganz von den US-Experten abhängig. Die Risiken seien zudem ohne den Schutz durch die US-Truppen unkalkulierbar, auch wenn die Taliban selbst Interesse an einem Flugverkehr haben müssten. "Zunächst gilt: Selbst wenn man dort landen könnte, wäre unklar, ob man wieder starten kann. Was ist mit den technischen Anlagen, dem Treibstoff, der Sicherheit am Boden. Wird das Flugzeug gestürmt?", sagt ein von der dpa befragter Experte.

Flucht über Landweg gefährlich

Die Alternative ist die Ausreise auf dem Landweg. Einige Afghanen haben sich schon alleine in Nachbarländer durchgeschlagen. Das ist aber weder ungefährlich, noch einfach. Es ist weitgehend unklar, wie viele Kontrollposten die Taliban auf den Überlandstraßen betreiben und wie die Kämpfer, die an diesen stehen, reagieren. Gleichzeitig sind die wenigsten Grenzübergänge in Nachbarländer aktuell geöffnet, unvorhersehbare Schließungen sind jederzeit möglich. Zudem brauchen Afghanen für alle Nachbarländer Visa, doch viele dieser Länder stellen aktuell keine aus.

Um wie viele Menschen es der deutschen Bundesregierung noch geht, kann niemand so genau sagen. Die Ausreiselisten ändern sich ständig. Klar ist nur: Es geht um Tausende, die Schutz vor den Taliban suchen. Zunächst einmal sind da die deutschen Staatsbürger. 500 sind schon ausgeflogen worden - viel mehr, als ursprünglich vermutet.

Auf die Liste kommen immer neue Menschen hinzu, darunter viele Doppelstaatler. Um die Deutschen kümmert sich die deutsche Bundesregierung mit einer gewissen Priorität. Das Problem: Doppelstaatler werden von den Taliban – ein Spiegelbild der Logik – als Afghanen angesehen. Das erschwert die Lage.

Unklare Lage

Wie viele ehemalige afghanische Mitarbeiter von Bundeswehr und Bundesregierung noch im Land sind, ist unklar. Vergangenes Wochenende wurden die Kriterien noch einmal erweitert. Jetzt sollen alle, die zu irgendeinem Zeitpunkt seit 2013 unter Vertrag waren, aufgenommen werden. Wie viele noch im Land sind? Das kann keiner sagen.

Und dann ist da noch eine dritte Kategorie: Afghanische Menschenrechtsverteidiger, Frauenrechtlerinnen, also besonders gefährdete Personen ohne Staatsbürgerschaft und Beschäftigungsverhältnis mit deutschen Behörden. Ihre Zahl dürfte auf jeden Fall vierstellig sein. Für sie wird es wohl am schwierigsten, sich vor den Taliban in Sicherheit zu bringen.


Kommentieren


Schlagworte