„The Father“ mit Anthony Hopkins: Familiäres Verwirrspiel im Kopf

Für „The Father“ gewann Anthony Hopkins zu Recht seinen zweiten Oscar. Olivia Colman brilliert in dem Kammerspiel als Tochter.

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Großes Schauspiel-Kino: Anthony Hopkins spielt in Florian Zellers Regiedebüt „The Father“ einen Mann, der an Demenz erkrankt ist.
© Tobis

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Anthony ist ein rüstiger alter Mann. Er lebt alleine in einem großen Londoner Apartment, angefüllt mit den Souvenirs eines langen Lebens. Seine Tochter Anne besucht ihn, kümmert sich. Doch dann eröffnet sie ihm, dass sie mit ihrem neuen Freund nach Paris ziehen will. Eine professionelle Betreuerin soll ihre Aufgaben künftig übernehmen. Anthony wehrt sich dagegen.

Es wird schnell klar, dass im Kopf des äußerlich gesunden Alten nicht alles in Ordnung ist. Der Film macht kein Geheimnis daraus. Anthony hat Demenz bzw. Alzheimer. Er vergisst und verwechselt. Eingestehen will er sich das nicht.

Mit „The Father“ legt der französische Dramatiker Florian Zeller sein Debüt als Filmregisseur vor. Gemeinsam mit Christopher Hampton hat Zeller sein eigenes Stück adaptiert. „Le Père“ wurde 2012 in Paris uraufgeführt. Es war in London und am Broadway erfolgreich – und gilt, wenigstens in der französisch- und englischsprachigen Welt, als eines der herausragenden Stücke der vergangenen Dekade. 2015 stand es auch am Tiroler Landestheater auf dem Spielplan.

📽️ Trailer | The Father

Die Übersetzung des Kammerspiels in die Filmsprache funktioniert erstaunlich gut. Die theatrale Reduktion auf wenige Figuren und einen zentralen Ort bleibt erhalten. Vor allem für die Darstellung von Anthonys Erkrankung findet „The Father“ eindrückliche Lösungen: Szenen gehen nahtlos ineinander über. Die vermeintliche Tochter wird kurz von einer anderen Schauspielerin gespielt, ebenso wie der Schwiegersohn – oder die Schwiegersöhne. Und die verwinkelte Wohnung, in der der gesamte Film spielt, verändert leicht ihr Aussehen.

Es ist die filmische Trickkiste, die sonst nur im Horrorfilm und Psychothriller Verwendung findet. Doch Florian Zeller deutet die subjektive Bedrohlichkeit und zeitliche Verwirrung meist nur sanft an. Wenn der Alte etwa ständig seine Uhr vermisst oder die Befürchtung äußert, dass ihn die Tochter aus seiner Wohnung vertreiben wolle, um sie zu verkaufen.

„The Father“ ist großes Schauspielkino: Anthony Hopkins als Vater und eine ebenso grandiose Olivia Colman als Tochter sind erschütternd authentisch. Dem 83-jährigen Hopkins brachte der Film bei der diesjährigen semi-virtuellen Oscar-Verleihung seinen zweiten Oscar als bester Hauptdarsteller, für den er sich aber aus seinem walisischen Corona-Domizil nicht bedanken durfte. Colman hatte bereits im Jahr zuvor für „The Favourite“ gewonnen.

Auch wenn einem „The Father“ durch die raffinierte Erzählweise als Alters-Drama nicht extrem an die emotionalen Nieren geht, steckt darin doch eine ebenso universelle wie selten im Kino gezeigte Geschichte, die zum Ende hin immer mehr berührt.


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