Kabul-Flughafen laut Pentagon unter US-Kontrolle, 183 Tote nach Anschlag

Das US-Verteidigungsministerium widerspricht Behauptungen der Taliban. Der Flughafen soll noch immer unter US-Kontrolle sein. Beim Anschlag außerhalb des Flughafens kamen mindestens 183 Menschen ums Leben. „Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen“, sagte der US-Präsident in Richtung der Terrormiliz IS.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
Der Flughafen in Kabul wurde am Donnerstag von einem Selbstmordattentat erschüttert. Nun sollen die Taliban große Teile eingenommen haben.
© AFP PHOTO/Satellite image ©2021 Maxar Technologies

Washington, Kabul – Das US-Verteidigungsministerium hat Berichte, wonach die Taliban den Flughafen Kabul unter ihre Kontrolle haben sollen, als "falsch" zurückgewiesen. Der Flughafen stehe weiter gänzlich unter der Kontrolle des US-Militärs, sagte der Sprecher des Pentagons, John Kirby, am Freitag. "Sie kontrollieren keines der Tore, sie kontrollieren nicht den Betrieb des Flughafens - das ist weiter unter der Kontrolle des US-Militärs", sagte Kirby.

Zuvor hatten Berichte und Beiträge in sozialen Medien nahegelegt, die Taliban hätten an dem Flughafen inzwischen das Sagen oder stünden kurz davor. Ein Sprecher der Taliban hatte erklärt, die Radikalislamisten hätten die Kontrolle über Teile des Flughafens übernommen. Am Freitag habe das US-Militär "drei wichtige Bereiche" im militärischen Teil des Flughafens verlassen, erklärte der Taliban-Sprecher Bilal Karimi auf Twitter. Diese Bereiche seien nun "unter der Kontrolle des Islamischen Emirats" und nur noch "ein sehr kleiner Teil" des Airports werde von US-Soldaten kontrolliert.

Bis zum kommenden Dienstag wollen die USA aber alle ihre Soldaten aus Afghanistan abziehen. Zahlreiche Länder, darunter auch Deutschland, haben ihre Rettungsflüge aus Kabul daher bereits eingestellt. Auf dem Flughafengelände warteten nach US-Angaben am Freitag allerdings noch rund 5400 Menschen auf eine Chance zur Ausreise.

US-Regierung droht Drahtziehern des Anschlags

Die US-Regierung hat ihre Entschlossenheit betont, die Drahtzieher des verheerenden Anschlags von Kabul töten zu lassen. "Er hat klar gemacht, dass er nicht will, dass sie noch auf der Erde leben", sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, am Freitag in Washington mit Blick auf die jüngste Drohung von US-Präsident Joe Biden gegen die Terroristen. Psaki reagierte auf die Frage, ob Biden die Urheber der Attacke töten lassen oder vor Gericht stellen wolle.

Außerhalb des Flughafens in der afghanischen Hauptstadt Kabul hatte sich am Donnerstag nach US-Angaben ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Isis-K in die Luft gesprengt und zahlreiche Menschen mit in den Tod gerissen, darunter 13 US-Soldaten. Laut "New York Times" kamen bei dem Anschlag am Donnerstag insgesamt 183 Menschen ums Leben. Offizielle Zahlen sprachen von mindestens 92 Toten. Den Angaben zufolge handelt es sich bei einem Teil der Toten um US-Bürger mit afghanischen Wurzeln.

Psaki sagte, die Regierung werde sich nicht zu Details äußern, wie genau man gegen die Urheber des Anschlags vorgehen werde. Sie betonte aber, dieses Bekenntnis dazu bleibe bestehen, "bis es erledigt ist". Der Präsident und das Militär hätten keinen Zweifel, dass sie jede Befugnis hätten, Isis-K anzugreifen.

Den Angaben zufolge handelt es sich bei einem Teil der Toten um US-Bürger mit afghanischen Wurzeln.Bisher war die Zahl der Todesopfer mit mindestens 92 angegeben worden.

Auch britische Staatsbürger unter den Opfern

Bei dem Terroranschlag außerhalb des Flughafens in Kabul kamen offiziellen Angaben zufolge auch britische Staatsbürger ums Leben. Zwei britische Erwachsene und ein Kind eines britischen Staatsbürgers seien unter den Getöteten gewesen, teilte Außenminister Dominic Raab am Freitag mit.

"Dies waren unschuldige Menschen und es ist eine Tragödie, da sie versucht haben, ihre Angehörigen nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen und dabei von feigen Terroristen getötet wurden", so der konservative Politiker.

US-Verteidigungsminister korrigiert Meldung von zwei Tätern

Bei dem verheerenden Terrorangriff am Flughafen in Kabul hatte sich nach Erkenntnissen des US-Verteidigungsministeriums ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt - nicht zwei. US-Generalmajor William Taylor sagte am Freitag im Pentagon, man sei nicht sicher, wie es am Vortag zu der falschen Angabe von zwei Selbstmordattentätern habe kommen können.

Verwundete Frauen nach dem verheerenden IS-Anschlag vom Donnerstag, bei dem rund 183 Menschen ums Leben kamen und zahlreiche Personen schwer verletzt wurden.
© WAKIL KOHSAR

"Wir hielten es für wichtig, die Angaben hier zu korrigieren", so Taylor. Das Verteidigungsministerium hatte am Donnerstag nach dem Terrorangriff von zwei Selbstmordattentätern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gesprochen.

"Ich kann Ihnen bestätigen, dass wir nicht glauben, dass es eine zweite Explosion im oder in der Nähe des Baron Hotels gegeben hat, dass es sich um einen Selbstmordattentäter handelte", sagte Taylor gegenüber Reportern.

Tausende Menschen warten auf Evakuierung

Am Flughafen von Kabul warten nach Angaben des US-Militärs mehr als 5000 Menschen auf eine Evakuierung. Die Zahl sei dabei etwas zurückgegangen, sagte Taylor. Die USA seien in der Lage, bis zur letzten Minute Leute auszufliegen.

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace warnte am Freitag, je näher der Abzugstermin rücke, umso größer werde die Bedrohung. "Wir tun alles, um vorbereitet zu sein", sagte der Chef des US-Zentralkommandos, General Frank McKenzie. Die USA sichern nach Abzug anderer Soldaten noch den Flughafen und wollen bis Dienstag Menschen die Ausreise ermöglichen.

Die US-Streitkräfte können auf ihren Stützpunkten in den Vereinigten Staaten zeitweise bis zu 50.000 evakuierte Afghanen unterbringen. Das erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Freitag. Zuvor hatten die Streitkräfte noch von einer Kapazität für mehr als 20.000 Menschen gesprochen. Die Aufnahme zusätzlicher Afghanen sei nun möglich, weil das Militär noch zusätzlich drei weitere Stützpunkte für die Unterbringung der Evakuierten öffne, sagte Kirby.

Zadic: "Wir müssen Frauen und Kinder da rausholen"

Wien – Die grüne Justizministerin Alma Zadic fordert, Frauen, Mädchen und Menschen, die für die frühere Regierung in Kabul oder westliche Staaten gearbeitet haben, aus Afghanistan herauszuholen. Sie müssten fürchten, von den Taliban gefoltert, exekutiert oder gesteinigt zu werden. "Es ist dringend geboten, jetzt gemeinsam als Europa zu helfen", sagte Zadic im Interview mit dem "Kurier" (Samstagsausgabe).

Zur Linie der Koalition, vorerst nur "Hilfe vor Ort" zu leisten, meinte die Ministerin: "Hilfe vor Ort wird notwendig sein, aber es wird auch notwendig sein, Frauen und Mädchen, die jetzt gefährdet sind, da rauszuholen." Zur Ablehnung der ÖVP sagte Zadic: "Dann werden wir Überzeugungsarbeit leisten müssen. Alle grünen Regierungsmitglieder und übrigens auch die weit überwiegende Mehrheit unserer europäischen Nachbarn sind sich da einig."

Auf die Frage, ob sie auch der Meinung ihres Parteichefs Werner Kogler sei, es fehle der ÖVP an der "notwendigen Menschlichkeit", erklärte Zadic: "Menschlichkeit ist immer wichtig. Wenn ich mir ausmale, dass sich in Afghanistan wiederholt, was vor 20 Jahren unter den Taliban war, macht mich das unglaublich betroffen."

Österreich habe bei Krisen in der Vergangenheit immer geholfen, sagte sie unter Hinweis auf den Jugoslawien-Krieg. "Wien ist bekannt als der Ort, an dem sich die Diplomatie trifft. Ich finde, Österreich sollte diese Rolle am internationalen Parkett auch jetzt einnehmen", so die Grüne Ministerin. (APA)

Bei einem Vorfall an der afghanisch-pakistanischen Grenze kamen unterdessen mindestens drei Menschen ums Leben. Das bestätigten zwei pakistanische Behördenvertreter der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Demnach schossen pakistanische Grenztruppen auf eine Gruppe von Afghanen, die versuchte, über die Grenze in das Land zu stürmen. Mehrere weitere Afghanen seien verletzt worden.

US-Präsident Joe Biden drohte den dafür verantwortlichen Terroristen mit Vergeltung. „Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen“, sagte Biden am Donnerstag im Weißen Haus. Er kündigte Einsätze des US-Militärs gegen die für den Anschlag verantwortliche Terrormiliz IS (Daesh) an – und die Fortsetzung der Evakuierungen aus Afghanistan.

📽 Video | Biden: „Wir werden nicht vergeben“

Die Terroristen könnten die USA nicht dazu bringen, ihre „Mission“ zu stoppen, betonte Biden mit Blick auf die verbliebenen Amerikaner im Land. „Wir werden sie finden, und wir werden sie da rausholen.“

Unbestätigte Medienberichte und Videos vom Tatort deuten auf Dutzende einheimische Todesopfer hin, hinzu kommen zahllose Verletzte. Das US-Verteidigungsministerium erklärte, es seien auch 18 Soldaten verwundet worden. Die Verletzten würden in speziell ausgerüsteten Flugzeugen ausgeflogen, hieß es.

📽 Video | ORF-Korrespondentin über weiteres US-Vorgehen in Afghanistan

Für die US-Streitkräfte waren es die ersten Soldaten seit Februar vergangenen Jahres, die in Afghanistan gewaltsam ums Leben kamen – und die schwersten Verluste dort seit einem Jahrzehnt. Biden ordnete an, die US-Flaggen über dem Weißen Haus und an allen öffentlichen Gebäuden bis Montagabend auf halbmast zu setzen, um der Opfer zu gedenken.

Attentäter sprengte sich in die Luft

Der in Afghanistan aktive Ableger der Terrormiliz IS reklamierte den Anschlag für sich. Biden erklärte mit Blick auf die Gruppe, die USA hätten Informationen dazu, wo sich die Drahtzieher der Anschläge aufhalten – und würden auch ohne große Militäreinsätze Möglichkeiten finden, diese zur Rechenschaft zu ziehen, „wo auch immer sie sind“. Seine eindringlichen Worte an die Terroristen: „Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen.“

Nach ersten US-Angaben hatten sich mindestens zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Diese Nachricht wurde jedoch korrigiert. Es soll sich um einen Attentäter gehandelt haben. Die Detonation ereignete sich demnach an einem Tor zum Flughafengelände, an dem US-Soldaten im Einsatz waren. Eine Reihe von Kämpfern der Terrormiliz IS habe anschließend das Feuer auf Zivilisten und Soldaten eröffnet, sagte US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando Centcom führt. Er warnte, es müsse mit weiteren Anschlägen gerechnet werden. „Wir tun alles, was wir können, um auf diese Angriffe vorbereitet zu sein“, sagte er. Es handle sich um eine „extrem aktive Bedrohungssituation“.

Evakuierungsmission weitergeführt

Die Evakuierungsmission in Kabul wurde dennoch weitergeführt. Die US-Luftwaffe und Flugzeuge Verbündeter hätten am Donnerstag ab dem Vormittag bis kurz vor Mitternacht (Ortszeit Kabul) rund 7500 Menschen evakuiert. Damit sei die Zahl der seit Mitte August ausgeflogenen Afghanen und westlicher Staatsbürger auf 100.100 angestiegen, erklärte ein Vertreter des Weißen Hauses.

Die deutsche Luftwaffe flog am Donnerstag alle Bundeswehrsoldaten, Diplomaten und verbliebenen Polizisten aus dem Krisenstaat aus, wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte. Nach Angaben der Ministerin wurden 5347 Menschen aus mindestens 45 Ländern evakuiert, darunter rund 500 Deutsche und mehr als 4000 Afghanen.

📽 Video | Ärztin Sima Mirzai über Situation in Afghanistan

Der Evakuierungseinsatz der gut 5000 US-Soldaten in Kabul soll trotz der jüngsten Ereignisse wie geplant am Dienstag kommender Woche enden, wie Biden betonte. Damit können auch die Verbündeten ihre Staatsbürger und frühere örtliche Mitarbeiter nicht mehr evakuieren. Die Bundesregierung und die USA setzen allerdings darauf, dass die Taliban auch nach dem 31. August weiter kooperieren werden, um Ausreisen zu ermöglichen. Im Gegenzug dürften sie auf gewisse Hilfen der internationalen Gemeinschaft hoffen, so die Logik. Biden erklärte: „Sie sind keine guten Kerle, die Taliban. Das meine ich überhaupt nicht. Aber sie haben ein klares Interesse.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte anlässlich des Endes des deutschen Evakuierungseinsatzes: „Wir sind mit Hochdruck und Nachdruck dabei, eben Bedingungen auszuhandeln mit den Taliban darüber, wie weitere Ausreisen auch möglich sein werden.“

Die militant-islamistischen Taliban kontrollieren Kabul und damit auch das Gebiet um den Flughafen. Die Sicherheitslage hatte sich dort zuletzt noch einmal deutlich zugespitzt. Die Bundeswehr hatte bereits am Dienstag berichtet, dass zunehmend potenzielle Selbstmordattentäter des IS in Kabul unterwegs seien. Ähnlich hatte sich Biden geäußert. Die Terrormiliz sei auch ein „erklärter Feind“ der Taliban, hatte er Anfang der Woche erklärt. Biden begründete unter anderem mit dieser Terrorgefahr auch sein Festhalten am Abzug der US-Truppen.

Zehntausende versuchen weiter aus dem Land zu fliehen

Zahlreiche Menschen versuchen weiterhin vor der Gewalt ins Ausland zu fliehen. Seit mehr als einer Woche versammeln sie sich rund um verschiedene Eingänge des Flughafens, um auf einen Evakuierungsflug zu kommen. Dabei herrschten rund um den Flughafen dramatische Zustände.

Unterdessen brechen immer mehr Afghanen über Land in Richtung Pakistan auf. Täglich überquerten mindestens 10.000 Afghanen die Grenze bei Spin Boldak/Chaman, sagte ein Grenzbeamter. Zuvor seien es an normalen Tagen etwa 4000 gewesen. Die meisten seien auf dem Weg zu Verwandten in Städten und Regionen unweit der Grenze.

Die Taliban hatten Mitte August die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Die meisten Einheiten der afghanischen Sicherheitskräfte ergaben sich kampflos, Präsident Ashraf Ghani floh außer Landes. (APA/dpa)


Kommentieren


Schlagworte