„Outside/Inside“ in Alpbach: Durch die gläserne Decke in den Inner Circle

Die Installation „Outside/Inside“ beschäftigt sich heuer in Alpbach mit dem Archiv und dem Frauenanteil des Europäischen Forums.

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An Anna Artakers „Outside/Inside“ lassen sich ehemalige Alpbach-Gäste ablesen. Rund 13.000 Männer stehen 3323 Frauen gegenüber.
© EFA/Vegetti

Alpbach – 1983 kündigte sich in Alpbach wieder einmal hoher Besuch an. Die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi kam, um beim Forum Alpbach über die Entwicklung indischer Kultur seit Alexander dem Großen zu sprechen. Es sei die letzte Rede, die Gandhi vor ihrer Ermordung 1984 an die Europäer gerichtet hat, wird sich Forumsgründer Otto Molden später erinnern. Während sich seine Ehefrau Koschka Hetzer-Molden in einem Presse-Artikel 2012 außerdem an die überraschten Blicke in der kleinen Boutique erinnert, wo Gandhi noch vor ihrer Abreise Dirndln geshoppt hat.

Umso verwunderlicher also, dass Gandhis Besuch zumindest in Alpbach nicht offiziell festgehalten wurde, erklärt Ingeborg Erhart, Ex-Leiterin der Tiroler Künstler:innenschaft und inzwischen Vizerektorin der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Zur Eröffnung in Alpbach hat sie Anfang der Woche über Anna Artakers Installation „Outside/Inside“ gesprochen, die derzeit an der Glasfassade des Kongresszentrums zu sehen ist.

Rund 16.500 Namen hat die Wiener Künstlerin dafür zusammengetragen, abgeschrieben aus den offiziellen Programmheften im Archiv der „Denkfabrik“. Indira Gandhi ist nicht dabei. Der Clou an der ansonsten nüchternen Aufzählung: Von außen lassen sich nur die weiblichen Teilnehmerinnen ablesen; von den rund 16.500 Gästen insgesamt 3323. Die Männer des Forums hingegen hat Artaker in Spiegelschrift angebracht, sie werden erst beim Blick von innen nach außen lesbar, beim Blick vom „Inner Circle“ aus.

Worum es Artaker in ihrem Werk geht, wird sofort klar. Das Geschlechterverhältnis ist ein Ungleiches, bis heute. Und die Metapher der gläsernen Decke – eben jenes strukturellen Phänomens, das Frauen den Aufstieg in Führungspositionen verwehrt – wird hier auf die Glaswände des Baus übertragen. Kurzum: Wer innen ist, gibt den Ton an. Und ging damals, so scheint es zumindest, eher in die Annalen ein, um später erinnert zu werden.

Es gebe ganze Jahre, in denen keine einzige Frau im Alp- bach-Programm auftaucht, erzählt Artaker. Erst aber in den 2000ern verzeichne man annähernd 40 Prozent an weiblichen Speakern. Warum Gandhi 1983 nicht im Programm steht, kann auch Artaker nicht erklären. Natürlich gab es ständig spontane Ab- oder Zusagen, meint die Künstlerin. Für sie zählt in „Outside/Inside“ aber nur jene „Offizialisierung“ durch das Programmheft, die an nächste Generationen weitergegeben wird.

Artaker ist die Erste, die das Archiv künstlerisch bearbeitet. Bisher diente es lediglich der Dokumentation, eine Aufarbeitung steht aber an, heißt es aus Alpbach. Abgewandert ist das Archiv längst nach Wien. Dort soll es auch bleiben, wird gemunkelt. Offiziell bestätigt wurde die Übergabe an die Wien-Bibliothek bisher nicht.

Elisabeth Schack ist es übrigens zu verdanken, dass sich Artaker überhaupt mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt hat. Seit 2017 leitet Schack, die u. a. als Dramaturgin der Wiener Festwochen tätig war, den Bereich Kultur in Alpbach. Ein Angebot aus Installation, Talks, Performance, Musik – und eines, das sie bewusst nicht mit „Kulturprogramm“ überschreiben möchte: „Es geht nicht um schöne Abendgestaltung nach dem Hauptprogramm“, bekräftigt sie im Gespräch. Es geht um die kritische Auseinandersetzung mit Ort und Aktivitäten.

Dazu passten die heurigen Talks, für die Schack Olga Neuwirth beauftragt hat, Treffen zu kuratieren. Die Komponistin, die im Oktober mit dem OPUS Klassik ausgezeichnet wird, holte sich für „The Great Transformation“, das Alpbach-Motto 2021, die junge Generation ins Haus: Spoken-Word-Poetin Fatima Moumouni oder Rapper Mavi Phoenix; außerdem Simulationsexperte Niki Popper oder Schriftsteller und Mathematiker Guillermo Martínez. Die Auswahl macht klar: Nicht nur Schack geht es um die Vermischung von Sprachen und Disziplinen. Das ist eine klare Zukunftsperspektive für Alpbach, meint Schack.

Ohne dabei auf die Geschichte zu vergessen. Die Kultur war ja seit jeher Stammgast. Wotruba, Popper, Sloterdijk, sie alle kamen gern nach Alpbach: unzählige Künstler (!). Die 3323 dokumentierten Frauen in Alpbach kann man sich via Augmented Reality-App zur Installation „Outside/Inside“ jetzt übrigens überall aufschlagen. Für eine zeitgemäße Form der Erinnerung.


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