Ungewöhnliche Kino-Doku: Auf Augenhöhe mit Hausschwein „Gunda"

In „Gunda“ stellt uns Victor Kossakovsky ein Hausschwein vor und wirft dabei implizit größere Fragen auf.

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Hausschwein Gunda ist die Hauptdarstellerin einer ungewöhnlichen Kino-Doku aus Norwegen.
© Filmladen

Innsbruck – Kino als Begegnungsort, nicht nur mit Menschen: Victor Kossakovsky stellt uns im gleichnamigen Film Gunda vor. 93 Minuten lang begleiten wir sie, ihre zwölf Kinder und ihre Mitbewohner und kommen ihnen so näher als anfangs gedacht.

Das ist nicht selbstverständlich, denn Gunda ist ein Hausschwein auf einem norwegischen Bauernhof. Ohne erklärende Tierfilmstimme oder vermenschlichende „Schweinchen Babe“-Dialoge beschränkt sich die Doku auf die reine Beobachtung.

Wortwörtlich auf Augenhöhe folgt die Kamera in hellen Schwarz-Weiß-Bildern Gunda und ihrem Dutzend Ferkelchen. Daneben kommen auch noch ein einbeiniges Huhn und eine Gruppe Rinder vor. Ergänzt werden die aufwändig, teils mit ferngesteuerten Kameras in einem eigens gebauten Stall gefilmten Bilder durch ein atmosphärisch starkes Kino-Sounddesign, das Gunda und ihre Ferkel „zu Wort“ kommen lässt.

📽️ Video | Trailer zu „Gunda"

Ob die Schweinchen-Familie zwölf kleine Ferkel hat oder sich im Gewusel doch noch ein 13. versteckt, ist nicht ganz einfach festzustellen. Am Ende sehen wir Gunda in einer bemerkenswerten Szene wieder alleine. Hier erzählt der Film dann doch noch kurz dramaturgisch gezielter. Bei Gundas direktem Blick in die Kamera stellt sich ein Gänsehautmoment ein.

Das Doku-Publikum spaltet sich, ebenso wie die Filmemachenden, in puristische Liebhaber der Reduktion („fly on the wall“) und Freunde der essayistisch-perspektivischen Erzählung (zuletzt etwa in Hubert Saupers „Epicentro“).

„Gunda“ und Victor Kossakovsky gehören ganz klar ins erste Lager. Erst im Regiestatement erlaubt sich der Filmemacher eine Haltung, die die Motivation für den Film war. Der in Berlin lebende Dokumentarist erzählt von seinem Kindheitsfreund Vasya, der zu Weihnachten als Schnitzel auf dem Teller landete, und beschreibt sich selbst als „erstes vegetarisches Kind der Sowjetunion“. Er verweist auf Tolstois Essay über die Moral der Ernährung und den Akt des Tötens als etwas Atavistisches, das auch die Gewalt unter den Menschen befördert.

In dem bei der Berlinale präsentierten Film selbst sind solche Gedanken bewusst ausgespart. Der Regisseur wollte „weder bevormunden noch vermenschlichen, ohne jegliche Sentimentalität und ohne Propaganda für Veganismus. Ich mache keine Filme, um dem Publikum eine Meinung vorzuschreiben, das interessiert mich nicht.“

Eine Frage steht aber im Raum: Welches Empfinden haben Geschöpfe wie das Säugetier Gunda? Ein Plädoyer für oder gegen etwas, wie der Werbetext verkündet, ist der konsequent unspektakuläre „Gunda“ nicht, erhellende Erfahrung aber durchaus.

Filmstar Gunda ist mittlerweile in Rente. Das Tier verbringt den Lebensabend auf dem Bauernhof. (maw)


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