Zwei Wochen nach Machtübernahme: Taliban wollen Regierung vorstellen

Im Präsidentenpalast von Kabul wird aktuell eine Zeremonie vorbereitet, bei der die Taliban die Verteilung der Ministerposten bekanntgeben wollen. Die USA und die EU haben eine förmliche Anerkennung der Regierung davon abhängig gemacht, dass die Islamisten ihren Ankündigungen zum Schutz von Menschenrechten Taten folgen lassen.

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Taliban nach der Eroberung Kabuls im Präsidentenpalast. Nun sollen sie dort eine Regierung vorstellen.
© AL JAZEERA/AFP

Kabul – Mehr als zwei Wochen nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan wollen die radikalen Islamisten in Kürze ihre Regierung vorstellen. Im Präsidentenpalast von Kabul werde dafür aktuell eine Zeremonie vorbereitet, erklärte ein Taliban-Vertreter am Donnerstag in den sozialen Medien. Der Privatsender Tolo meldete, die Verteilung der Ministerposten werde in Kürze bekanntgegeben.

Menschenrechte als Bedingung für Anerkennung

Die Regierungsbildung gilt als Voraussetzung dafür, dass die Taliban von der internationalen Gemeinschaft überhaupt als rechtmäßige neue Regierung anerkannt werden und dann auch Hilfe bekommen können. EU und USA knüpfen eine Anerkennung an Zusagen einer neuen Regierung, dass etwa Menschenrechte eingehalten und weiter Afghanen ausreisen dürfen.

Die katarische Regierung zeigte sich am Donnerstag "hoffnungsvoll", dass der Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul bald wieder geöffnet werden kann. "Was den Flughafen betrifft, befinden wir uns noch im Evaluierungsprozess", sagte Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani bei einer Pressekonferenz mit seinem britischen Kollegen Dominic Raab in Doha. "Es gibt noch keinen klaren Hinweis darauf, wann er vollständig betriebsbereit sein wird, aber wir arbeiten sehr hart und arbeiten auch mit den Taliban zusammen, um zu identifizieren, welche Probleme die Lücken und Risiken für die Wiederinbetriebnahme des Flughafens bestehen", sagte Al-Thani. Bei dem Thema werde es hoffentlich "in den nächsten Tagen" gute Nachrichten geben. In Doha halten sich führende Taliban-Vertreter auf.

Raab betonte, dass Großbritannien eine Regierung der militant-islamischen Taliban "in absehbarer Zeit" nicht anerkennen werde. Allerdings gebe es einen "wichtigen Rahmen für Engagement und Dialog" mit der Gruppe, die in Afghanistan nach dem Abzug der Alliierten die Macht übernommen hat.

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China "wichtigster Partner" der Taliban

Angesichts eines drohenden Zusammenbruchs der Wirtschaft sind die Taliban darauf angewiesen, dass internationale Geldgeber der Führung Legitimität zusprechen. In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" teilte Zabiullah Mujahid, der Sprecher der Islamisten, mit, man setze künftig vor allem auf Gelder aus China. "China ist unser wichtigster Partner und bedeutet für uns eine grundlegende und außergewöhnliche Chance, denn es ist bereit zu investieren und unser Land neu aufzubauen." Die Taliban hielten sehr viel von dem Projekt der "Neuen Seidenstraße", ergänzte Mujahid. Dabei handelt es sich um eine Infrastruktur-Initiative, mit der China über die Erschließung von Handelswegen seinen globalen Einfluss vergrößern will.

Durch das Chaos der jüngsten Wochen und der Machtübernahme der Taliban haben westliche Staaten ihre Hilfszahlungen für das Land am Hindukusch teils stark eingeschränkt. Mit der Hilfe Chinas kämpfen die Taliban künftig um ein wirtschaftliches Comeback, sagte der Sprecher. In dem Land gebe es "reiche Kupferminen, die dank der Chinesen wieder in Betrieb genommen und modernisiert werden können. Außerdem ist China unser Passierschein hin zu den Märkten auf der ganzen Welt."

Darüber hinaus bekräftigte Mujahid, dass Frauen künftig weiter an Universitäten studieren dürften. Er stellte den Frauen des Landes Arbeitsmöglichkeiten etwa als Krankenschwestern, bei der Polizei oder als Assistentinnen in Ministerien oder der Verwaltung in Aussicht. Dass es weibliche Ministerinnen geben werde, schloss er aber aus. Ob diese Ankündigungen von den Taliban tatsächlich eingehalten werden, ist derzeit noch unklar.

Zudem ermunterte Mujahid westliche Staaten wie etwa Italien zu diplomatischen Kontakten mit den neuen Machthabern in Afghanistan. "Wir wollen gute Beziehungen mit Italien wiederherstellen und hoffen, dass euer Land unsere islamische Regierung anerkennt. Ich hoffe, dass dieses Interview die diplomatischen und politischen Beziehungen stärkt und dass Italien seine Botschaft in Kabul wieder öffnet."(APA/Reuters/dpa)


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