Rotes Kreuz fordert mehr Solidarität in der Krisenbewältigung

RK-Präsident Gerald Schöpfer warnte in einer Pressekonferenz zur Bewältigung aktueller und neuer Krisen vor einer Spaltung der Gesellschaft. Es brauche "mehr Mut und weniger Wut."

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Präsident des Roten Kreuzes Gerald Schöpfer warnte vor einer Spaltung der Gesellschaft.
© HANS PUNZ

Wien, Kabul – Das Rote Kreuz hat am Donnerstag mehr Solidarität in der Krisenbewältigung und eine bessere Katastrophenvorsorge von der Bundesregierung gefordert. Außerdem warnte Rot-Kreuz-Präsident Gerald Schöpfer vor einer Spaltung der Gesellschaft durch die Pandemie. "Wir brauchen ein neues Miteinander, um die Gräben zu überbrücken. Gerade jetzt sind Solidarität und Verständnis bitter nötig", appellierte er an die Bevölkerung. Es brauche "mehr Mut und weniger Wut", sagte Schöpfer.

"Bildung ist und bleibt das wirksamste Mittel gegen Armut"

Durch die Pandemie geraten auch immer mehr Menschen in Not. Im Vorjahr waren mehr als 1,5 Millionen Menschen in Österreich armuts-und ausgrenzungsgefährdet. "Wir befürchten in den kommenden Monaten und Jahren eine weitere Verschärfung und sehen bereits jetzt steigenden Hilfsbedarf", sagte der Generalsekretär des Roten Kreuzes, Michael Opriesnig. Bereits fast jedes fünfte Kind ist von Armut betroffen oder gefährdet. "Bildung ist und bleibt das wirksamste Mittel gegen Armut", sagte der Generalsekretär. Auch die psychischen Folgen der Pandemie für die Bevölkerung sind noch unklar. "Wir rechnen damit, dass die psychischen Störungen und Probleme ansteigen werden, die Systeme stoßen an ihre Grenzen", sagte Barbara Juen, Leiterin der Psychosozialen Dienste des Roten Kreuzes.

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Die Pandemie habe auch gezeigt, dass Österreich institutionell nicht für große Gesundheitskrisen gerüstet ist, sagte Opriesnig. So ist es beispielsweise bereits seit Beginn der Krise schwierig, einheitliche Zahlen zu bekommen, erläuterte er. "Auch das zählt zu einer guten Katastrophenvorsorge, hier muss Österreich nachbessern", forderte der Generalsekretär. Um die Resilienz zu fördern, müssen auch die Rettungsdienste gefördert werden, verlangte Opriesnig fünf Prozent des Budgets des Katastrophenfonds. "Das wären 20 Millionen Euro, die in die Prävention gesteckt werden können.". Das Rote Kreuz würde damit beispielsweise die Dienststellen mit Notstromaggregaten ausrüsten.

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Doch auch jeder einzelne könne und müsse Vorsorge treffen, sagte Schöpfer. Bezüglich der Pandemie gehört dazu, sich impfen zu lassen, "es gibt nun einmal keinen anderen Ausweg aus der Pandemie. Allgemein sollte jeder Haushalt auf einen länger andauernden Stromausfall vorbereitet sein.

Michael Opriesnig, Generalsekretär des Roten Kreuzes (l.), und Barbara Juen, Leiterin der Psychosozialen Dienste des Roten Kreuzes.
© APA/Punz

Für eine gute Pandemiebewältigung ist auch eine gute öffentliche Kommunikation erforderlich. "Dazu gehört ein vernünftiger Umgang mit Fakten und eine gute Bereitschaft zum Dialog und zur Debatte. Das ist in den vergangenen eineinhalb Jahren ein wenig abgegangen", kritisierte Opriesnig. Im Juli hatte das Rote Kreuz die Impfkampagne der Regierung übergeben. "Die Kampagne war über den Sommer relativ ruhig", man hätte die Zeit "auch besser nützen können", sagte Opriesnig. Der Zug sei aber "noch nicht ganz abgefahren". Nun brauche es keine breitflächige Kommunikation, sondern eine zielgruppengerichtete. Mit vertrauenswürdigen Testimonials könne eine höhere Impfbereitschaft erreicht werden, sagte Opriesnig. Eine Impfpflicht sei kontraproduktiv, sagte Juen. "Wir sind noch nicht am Plafond mit Kommunikation und Partizipation, da ist noch unglaublich viel möglich", sagte die Expertin.

Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist der Schutz von Kindern, die noch nicht geimpft werden können, besonders wichtig. "Noch einen Lockdown im Bildungssystem ertragen Kinder und Jugendliche schlecht", sagte die Psychologin. Wichtig ist, dass Betreuungspersonen und Eltern geimpft sind, in Schulen und Kinder regelmäßig getestet und Masken getragen werden. "Kinder dürfen nicht Opfer der Durchseuchung werden, sondern brauchen besonderen Schutz", forderte Juen. Freiheit bedeute "immer auch Verantwortung für andere zu haben".

Schöpfer betonte, dass die wichtigsten Grundsätze des Roten Kreuzes Humanität und Neutralität sind. Angesichts der Lage in Afghanistan könne Österreich "nicht sagen, das geht uns gar nichts an", sagte Schöpfer. "Wir müssen dort, wo Menschen in Not sind, helfen, stattdessen über Abschiebungen weiter nachzudenken ist nicht human", sagte der RK-Präsident. Das Rote Kreuz bzw. der Rote Halbmond ist mit 1.800 Mitarbeitern in Afghanistan im Einsatz, in den Gesundheitszentren werden jährlich 200.000 Menschen operiert und notversorgt. Auch in Österreich wird in diesem Zusammenhang geholfen. 150 Familien sind heuer bereits zum Thema Familienzusammenführung beraten worden, seit der aktuellen Krise kommen jeden Tag rund 100 Anfragen hinzu, sagte Opriesnig. Die Regierung hatte angekündigt, 18 Millionen Euro für Hilfe an Ort und Stelle im Krisenland zur Verfügung zu stellen. Er hoffe, dass dabei auch an dort tätige Organisationen gedacht werde, sagte Opriesnig. (APA)


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