75 Jahre „Pariser Abkommen": Südtiroler Autonomie wurde anfangs abgewatscht

Das „Pariser Abkommen“ vor 75 Jahren gilt heute als Grundlage oder „Magna Charta“ der weltweit anerkannten Südtiroler Autonomie. 1946 wurde es aber noch als Verrat an Südtirol kritisiert.

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Karl Gruber hatte mit dem Abkommen keinen leichten Stand.
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Von Peter Nindler

Innsbruck – Heute ist die Geschichtsforschung sich weitgehend einig: Die Rückkehr Südtirols zu Österreich war nach dem Zweiten Weltkrieg keine Option und unrealistisch, Italien ein zu wichtiger strategischer Partner der westlichen Alliierten. Am 5. September 1946 haben die Außenminister Karl Gruber und sein italienischer Amtskollege Alcide De Gasperi nach intensiven Verhandlungen vielmehr das „Pariser Abkommen“ unterzeichnet. Es sicherte erstmals der deutschsprachigen Minderheit Schutzbestimmungen zu. „Der Bevölkerung der oben erwähnten Gebiete wird die Ausübung einer autonomen regionalen Gesetzgebungs- und Vollzugsgewalt gewährt werden“, heißt es darin.

„Magna Charta Südtirols"

Der Historiker und Südtirol-Experte Rolf Steininger bezeichnet den Vertrag als die „Magna Charta Südtirols“, weil das Abkommen Teil des italienischen Friedensvertrages und damit Völkerrecht war und es die völkerrechtlich abgesicherte Autonomie garantierte. Und Österreich erhielt eine international verbriefte Schutzfunktion für Südtirol.

Das Gruber-De-Gasperi-Abkommen kann als Teil des Fundaments für die Europaregion bezeichnet werden.
LH Günther Platter (Präsident der Europaregion)

Doch der Weg zur Autonomie gestaltete sich trotzdem als steinig und war gepflastert mit viel Leid sowie einer jahrzehntelangen Machtdemonstration Roms gegenüber den deutsch- und ladinischsprachigen Südtirolern. Deshalb wurde Außenminister Karl Gruber auch heftig für seinen „Kniefall“ kritisiert. Ende September 1946 traf er sich mit einer Delegation in Innsbruck, die mit dem Verhandlungsergebnis in Paris unzufrieden war. Der Obmann des Tiroler Kriegsopferverbands Hans Blaas brandmarkte Gruber als „Verräter Südtirols“ und verabreichte ihm daraufhin eine Watschn.

Es dauerte schließlich noch weitere 46 Jahre, bis Rom die Autonomiebestimmungen endlich erfüllt hatte. Zwischenzeitlich trat 1972 das zweite Autonomiestatut in Kraft, die Streitbeilegung zwischen Italien und Österreich vor der UNO erfolgte dann 1992. Seither geht es in Bozen politisch besonders darum, noch mehr Zugeständnisse von Rom zu erhalten. Die seit 1945 regierende Südtiroler Volkspartei hat dafür den Begriff der „dynamischen Autonomie“ geprägt.

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Am Sonntag, „dem Tag der Autonomie“ in Südtirol, blickt jetzt auch die Europaregion Tirol, Südtirol und Trentino 75 Jahre zurück. Die Autonomie und der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union haben die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) erst möglich gemacht. Sie soll die geopolitische Brennergrenze gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell endgültig überwinden.

Pariser Vertrag

Gruber-De-Gasperi-Abkommen: Am 5. September 1946 haben die Außenminister Österreichs und Italiens, Karl Gruber und Alcide De Gasperi, den „Pariser Vertrag“ unterschrieben. Erstmals wurden Schutzbestimmungen zugunsten der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols auf internationaler Ebene verbrieft – vor allem hinsichtlich des Schulunterrichts in der Muttersprache, des Sprachgebrauchs bei öffentlichen Ämtern und der Vergabe von öffentlichen Stellen. Italien hatte Österreich indirekt als Vertragspartner im Bereich der Südtirolfrage anerkannt.

Bombenjahre: Trotzdem erfolgte eine Italianisierung, weil Südtirol mit dem Trentino zu einer Region zusammengefasst wurde. 1960 brachte der damalige Außenminister Bruno Kreisky die Südtirol-Frage vor die UNO. Mit den Attentaten („Feuernacht 1961“) machten die Südtiroler auf die Unterdrückung Roms aufmerksam.

Zweites Autonomiestatut: Es trat 1972 mit 137 Durchführungsbestimmungen in Kraft. Es dauerte noch einmal 20 Jahre, bis die Autonomiebestimmungen umgesetzt wurden, bis der Großteil der vereinbarten Maßnahmen von Rom durchgeführt wurde. Formell wurde der Streit zwischen Österreich und Italien schließlich im Jahr 1992 durch die so genannte „Streitbeilegungserklärung“ beendet.

Europaregion Tirol, Südtirol, Trentino: 2011 wurde der Europäische Verbund für territoriale Zusammenarbeit unterzeichnet, die Euregio ist seither eine Rechtspersönlichkeit.

„Auf Basis des Gruber-De-Gasperi-Abkommens, das damals sehr umstritten, aber einzig möglich war, konnte sich Südtirol nach der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus zu einem blühenden Land entwickeln“, betont der Präsident der Europaregion Tirol, LH Günther Platter, im Vorfeld. Die Entwicklung Südtirols wäre ohne diesen Vertrag bestimmt anders verlaufen, ist Platter überzeugt. „Ganz wesentlich hat der heutige Status quo aber mit dem Fleiß, mit der Beharrlichkeit und mit dem Willen der Südtirolerinnen und Südtiroler zu tun, die Gestaltung ihrer Heimat selbst in die Hand zu nehmen.“

Für den Euregio-Präsidenten ist das auch der Grund, weshalb heute viele andere Regionen etwas neidvoll auf die Entwicklung Südtirols und die Südtirol-Autonomie blicken. „Das Gruber-De-Gasperi-Abkommen kann als Teil des Fundaments für die heutige Europaregion Tirol, Südtirol, Trentino bezeichnet werden“, betont Platter, der darauf verweist, dass mit der Teilung Tirols eine willkürliche Grenze gezogen worden sei. „Wo keine hingehört“, spricht er von einer echten Unrechtsgrenze.

Mit der Euregio kann für Platter die Teilung Tirols, die nach wie vor eine offene Wunde sei, Schritt für Schritt überwunden werden. Projekte wie der Stromzusammenschluss am Brenner oder das Euregio-Ticket würden symbolhaft für das Zusammenwachsen und die Einheit in der Euregio stehen.


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