US-Geschäftsträger Mesquita: „Mission war vor zehn Jahren abgeschlossen“

Der US-Geschäftsträger in Österreich, Mario Mesquita, verteidigt den Abzug aus Afghanistan und betont die transatlantische Kooperation.

  • Artikel
  • Diskussion
Generalmajor Chris Donahue verließ Montagnacht als letzter US-Soldat Afghanistan.
© AFP/US-Armee

Die Bilder aus Kabul haben die Welt schockiert. Waren die USA nicht auf dieses Szenario vorbereitet?

Mario Mesquita: Mit dem Ende unserer Beteiligung am Krieg in Afghanistan haben wir erfolgreich mehr als 120.000 Menschen evakuiert. Darunter waren 6000 US-Bürger, eine große Zahl an Drittstaatsangehörigen sowie Afghanen, denen Verfolgung droht. Das war die größte militärische Luftbrücke, die wir jemals durchgeführt haben. Wir betrachten das als letzte Phase unseres Kriegs in Afghanistan. Jetzt sehen wir dem nächsten Kapitel entgegen, den diplomatischen Bemühungen.

Kann man sagen, dass es nicht so geplant war?

Mesquita: Es hätte auf jeden Fall eine Evakuierung von gefährdeten Personen gegeben. Die Situation vor Ort hat sich sehr rasch entwickelt, wie jeder weiß. Dass binnen zwei Wochen ein Flughafen übernommen wurde und mehr als 120.000 Menschen ausgeflogen wurden, weist auf eine erfolgreiche Operation hin.

"Ice Road": 50x2 Karten für den Premieretag gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Mario Mesquita, ein Berufsdiplomat, fungiert als Geschäftsträger der US-Mission in Österreich bis zur Bestätigung der neuen Botschafterin Victoria Kennedy durch den Senat. Der gebürtige Kalifornier war zuvor u. a. im Außenministerium in Washington sowie an den US-Botschaften beim Heiligen Stuhl, in Prag, Warschau und Bogota tätig.

Ist es nicht eine Ironie, dass die USA den Flughafen ausgerechnet den Taliban übergeben?

Mesquita: Es gibt eine Realität vor Ort, die sich darin ausdrückt. Wir hoffen, dass einige unserer Partner in der Region den Flughafen wieder für die zivile Luftfahrt instandsetzen. Das Nächste ist, dass wir die Taliban daran messen, was sie gesagt haben – nämlich dass gefährdete Afghanen und andere Menschen, die Afghanistan verlassen wollen, das auch tun können.

Wie sollen die Menschen herauskommen?

Mesquita: Wir werden in den kommenden Monaten alle diplomatischen Fäden ziehen und neue Methoden entwickeln, damit möglichst viele gefährdete Personen Afghanistan verlassen können.

Was passiert mit den Afghanen, die über die Luftbrücke herausgekommen sind?

Mesquita: Wir haben eine sehr komplexe Operation am Laufen. Sie hat die Menschen vom Hamid-Karsai-Flughafen in Kabul zuerst an verschiedene Orte in der Region und in Europa gebracht. Dort werden sie erfasst und dann weiter in die Vereinigten Staaten gebracht.

Was erwarten Sie nun von Amerikas Alliierten und Partnern?

Mesquita: Wir begrüßen die Bemühungen und Unterstützung in den vergangenen zwei Wochen, die sehr herausfordernd waren. Zudem suchen wir natürlich Unterstützung, wenn es darum geht, die Taliban in Zukunft in die Pflicht zu nehmen.

Im Frühjahr sagte Präsident Joe Biden, Amerika sei zurück. Jetzt beschweren sich viele Europäer, dass Amerika wieder weg ist ...

Mesquita: Tatsächlich ist Präsident Biden ein Transatlantiker. Er glaubt an die amerikanisch-europäische Beziehung und daran, dass wir stärker sind, wenn wir zusammenarbeiten. Was speziell Afghanistan betrifft, hat er sehr klar gemacht, dass er die amerikanische Mission für vorbei hält. Er hat das monatelang signalisiert. Er musste bei dieser Entscheidung zentrale amerikanische Interessen berücksichtigen.

Können wir uns in Europa auf Amerika verlassen, nachdem Präsident Biden ein wenig wie sein Vorgänger und dessen Slogan „America first“ geklungen hat?

Mesquita: Es gibt einen Unterschied zwischen Bidens Worten, dass er sich immer an Amerikas zentralen Interessen ausrichten wird, und dem Konzept von „America first“. Für Biden bedeuten Amerikas Interessen auch multilaterales Handeln, Kooperation mit Alliierten und die Stärkung von Allianzen wie der NATO. Ich sehe Amerikas Interessen und transatlantische Zusammenarbeit als zwei Seiten derselben Medaille.

Wie geht es den Amerikanern gefühlsmäßig? Nach 20 Jahren Krieg sind die Taliban wieder an der Macht. Das riecht nach Niederlage.

Mesquita: Wir müssen uns daran erinnern, was nach 9/11 unsere Mission in Afghanistan war – nämlich Al-Kaida zu schwächen und Osama bin Laden zu neutralisieren. Diese Mission war vor zehn Jahren abgeschlossen. Trotzdem sind wir für weitere zehn Jahre in Afghanistan geblieben. Sollen wir jetzt noch einmal für fünf Jahre bleiben? Oder zehn Jahre, zwanzig Jahre? Der Präsident hat klar gesagt, dass das nicht in Amerikas nationalem Interesse liegt.

Es gibt noch immer viele Jihadisten in Afghanistan. Hängen die USA nun von den Taliban ab, um die Jihadisten einzudämmen?

Mesquita: Der Kampf gegen den Terrorismus bleibt ein Schwerpunkt der USA in der Region. Wir haben nun Möglichkeiten, die wir vor zwanzig Jahren nicht hatten und die keine Truppen vor Ort erfordern. Es geht nicht um eine Abhängigkeit von den Taliban, sondern um die Nutzung von neuen Fähigkeiten.

Müssen die USA jetzt durch einen Prozess wie nach Vietnam?

Mesquita: Ich halte das nicht für einen passenden Vergleich. In Afghanistan betrachten wir die ursprüngliche Mission als abgeschlossen. Das ist eine grundlegend andere Situation als Vietnam.

Das Gespräch führte Floo Weißmann


Kommentieren


Schlagworte