Hohe Parole und tieferer Sinn: Frank Castorf trifft auf Jelinek

Ischgl, Corona und allerlei Schwein sorgen am Akademietheater für einen ebenso lauten wie intelligenten Saisonauftakt.

  • Artikel
  • Diskussion
„Relax, If you can ...“: Ischgls Slogan findet am Akademietheater im Sprachgewand Elfriede Jelineks sein schrilles Echo.
© Horn

Von Bernadette Lietzow

Wien – Lois Hechenblaikner, dessen Fotoband „Ischgl“ in harten Farben die harte „neue Wirklichkeit“ des zum Party-Hotspot mutierten Skiortes im Tiroler Paznauntal abbildet, bezeichnet das dortige erstaunliche Geschehen als „Delirium Alpinum“. Dass sich von Ischgl das nach wie vor gegenwärtige Coronavirus fröhlich in Europa verbreitete, Lockdowns, vielfältige Verbote und Einschränkungen, Masken, Tests und Impfdiskussion nach sich zog und zieht – all dessen nimmt sich die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem das „Delirium“ umfassend aufgreifenden Text „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ an. Mit hinein verwebt sie Elemente von Homers Odyssee, lässt die Zauberin Kirke auftreten, die Odysseus’ verbliebene Gefährten in Schweine verwandelt hat. Das Schwein, in Form der ausgelassenen „Schweinereien“ in Ischgl, in der erbärmlichen Gestalt als von ausgebeuteten Schlachthofarbeitern produziertes Billigschnitzel auf unseren Tellern, ist omnipräsent, Regisseur Frank Castorf fügt noch Passagen aus Fahim Amirs bemerkenswertem ökophilosophischen Werk „Schwein und Zeit“ hinzu, wie er überhaupt Jelineks Stück in seinem Sinn mit weiteren Texten wie Daniel Defoes „Pest in London“ oder auch Horkheimers „Der Wolkenkratzer“ entgrenzt.

Ein komplexes Unternehmen, das da am Samstag am Akademietheater seine im Übrigen umjubelte Premiere feierte. Maske und Maskierung sind Inhalt wie auch gestalterischer Trumpf, Aleksandar Denić stellt eine begehbare antike Helmmaske auf die Bühne, um die einem Heiligenschein gleich das Musketiere-Motto „Einer für alle – alle für einen“ in französischer Sprache rotiert. Dazu gesellt sich ein finsteres Kellerverlies mit Bananenkisten sowie Unrat, ein plüschiger Salon und nicht zuletzt ein Säulenmäuerchen, das auch als Ballermann-Tresen dienen wird. Adriana Braga Peretzki versorgt die Darstellerinnen und Darsteller mit wunderbar sprechenden Kostümen, ver- wie enthüllend, frivol, glitzernd und herrlich unernst.

Lärm, Chaos und irrlichternde Assoziationen bestimmen Castorfs rasante Jelinek-Interpretation, dazwischen ein Auftritt des österreichischen Kanzlers per Filmausschnitten und als Pappmaché-Kopf, dessen Name Anlass gibt, „kurz“, saftig und lustvoll mit Frau Jelinek in die Gefilde der Kalauer abzutauchen. Die von Andreas Deinert virtuos geführte Live-Kamera begleitet das famose Ensemble, deren Spielwitz in gut über drei Stunden keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt.

Andrea Wenzl, Marie-Luise Stockinger und Dörte Lyssewski sind die Regentinnen in dieser (unserer) verqueren Höllenwelt, sie zerlegen mit Verve die hohlen Töne von Politik bis zu Pandemieleugnung und stimmen mit ihren Anklagen nachdenklich. Mehmet Atesçi, Marcel Heuperman und Branko Samarovski sind die kongenialen Mitstreiter auf diesem Ritt durch eine Gegenwart, die daran ist, eine gedeihliche Zukunft zu verunmöglichen. Starker Tobak, starkes Stück, sehenswert!

"Ice Road": 50x2 Karten für den Premieretag gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Akademietheater

Lärm, Blindes Sehen, Blinde sehen! Bis 12. September. Nächste Vorstellung: Sa, 11. September.


Kommentieren


Schlagworte