Greenwashing: Raubbau unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit

Ob „nachhaltiges“ Palmöl oder „verantwortliche“ Aquakultur: Öko-Label versprechen oft mehr Nachhaltigkeit, als tatsächlich dahintersteckt. Greenpeace ließ nun gebrochene Naturschutzversprechen analysieren.

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Als „nachhaltig“ deklariertes Soja ist nicht unbedingt nachhaltig.
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Wien – „Verraten und verkauft“ nennt Kathrin Hartmann ihre Analyse über den Sinn und Nutzen naturschutzversprechender Zertifikate oder Selbstverpflichtungen von Konzernen zu Umweltschutzmaßnahmen, die sie im Auftrag von Greenpeace erstellt hat. Egal ob „nachhaltiges“ Palmöl, „verantwortungsvolles“ Soja oder „verantwortliche“ Aquakultur: „Naturzerstörung durch Greenwashing unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit“ lautet das Resümee der deutschen Autorin.

Wer umweltbewusste Einkäufe bevorzugt, dem bescheinigen 455 Öko-Label in 199 Ländern Unbedenklichkeit. Mit Ausnahme von europäischen oder staatlichen Biosiegeln mit verbindlichen Standards und Kontrollen sind diese mehrheitlich privatwirtschaftlichen und freiwilligen Ursprungs.

Beispiele Soja und Palmöl

Mit dem Beispiel „Soja“ und dem brasilianischen Agrarproduzenten SLC Agricola beschreibt Autorin Hartmann eine der vielen seltsamen Blüten in Zusammenhang mit scheinbar ökologisch wertvollen Labeln: Demnach habe das Unternehmen 2018 an einer Soja-Initiative des Discounters Lidl für nachhaltiges und gentechnikfreies Soja teilgenommen. Kurz darauf soll der Konzern eine Farm einfach zweigeteilt haben, eine Hälfte war unzertifiziert und daher nicht Teil des Nachhaltigkeitsprogramms – dort habe die Firma weiter unbehelligt abholzen können, da nur zertifizierte Tochterbetriebe Besuch von den Prüfern des Roundtable on Responsible Soy (RTRS) zu erwarten haben, heißt es unter Berufung auf eine Greenpeace-Recherche.

Zweites Beispiel „Palmöl“ mit der IOI Group, einem Konzern aus Malaysia, als ausführendes Organ. Im März 2016 entzog der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO), laut dem Report eines der meistkritisierten Zertifizierungssysteme, dem Konzern aus Südostasien nach einem fünf Jahre andauernden Beschwerdeverfahren die Zertifizierung, nachdem dieses mehrfach im indonesischen Westkalimantan auf Borneo wertvolle Wälder vernichtet und die Rechte der lokalen Bevölkerung verletzt haben soll. Nachdem IOI jedoch gegen RSPO klagte, da Kunden wie Mars, Nestlé und Unilever ihre Geschäftsbeziehung zu dem Konzern abgebrochen hatten, fand er noch im August Wiederaufnahme, hieß es unter Bezugnahme auf einen Artikel des Guardian.

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Zwar ist keiner der beiden Konzerne in Europa ansässig, jedoch werden Grundnahrungsmittel und andere Konsumgüter aus landwirtschaftlicher Produktion in die EU-Staaten eingeführt, für die außerhalb Europas 640 Millionen Hektar beansprucht würden – eine Fläche die eineinhalb Mal größer war als jene aller damaligen 28 Mitgliedstaaten inklusive Ex-Mitglied Großbritannien , wie aus Berechnungen des Sustainable Europe Research Institute (SERI) in Wien hervorgeht. Und aus Daten der UNEP geht hervor:

Die EU importiert Palmöl, Fleisch, Kakao, Kaffee, Futtersoja und Rohstoffen für Biosprit 36 Prozent aller landwirtschaftlichen und tierischen Güter, die mit der Zerstörung von Wäldern verbunden sind, und ist damit für zehn Prozent der globalen Waldvernichtung verantwortlich.

Anbau und Produktion ausgelagert

Das alles habe seine Ursache in den gestiegenen Umweltstandards in Europa, auf die Unternehmen damit reagierten, dass sie den Anbau von Rohstoffen, die Produktion von Gütern und die Ausbeutung von Arbeitskräften in andere Länder auslagerten – meist in den globalen Süden. „Somit lagerten sie auch die Verschmutzung und Zerstörung von Ökosystemen aus“, resümierte die Autorin. Auch CO2-Kompensationsplantagen und Naturschutzgebiete würden im globalen Süden die einheimische Bevölkerung zunehmend verdrängen.

„Es ist eine Spielart des Kolonialismus, wenn Naturschutzorganisationen in Ländern des globalen Südens, wie in Kenia, Flächen als Schutzzonen abriegeln, um diese dann als CO2-Gutschrift an multinationale Firmen zu verkaufen. Beispielsweise bietet eine Partnerorganisation von The Nature Conservancy in Kenia derzeit 3,2 Millionen Kohlenstoffgutschriften für 1,9 Millionen Hektar Land in Samburu in Nordkenia zum Verkauf an. Die in dem Land ansässigen Gemeinschaften wurden für diesen Zweck an die Ränder des Gebiets vertrieben“, berichtet der kenianische Ökologe Mordecai Ogada, Geschäftsführer von Conservation Solutions Afrika, einer Beratungsfirma für das Management natürlicher Ressourcen.

Paradigmenwechsel gefordert

Angesichts kommender relevanter Entscheidungen und Konferenzen für den Naturschutz – das EU-Gesetz für globalen Waldschutz, die Klimakonferenz in Glasgow und die Biodiversitätskonferenz in Kunming – setzt sich Greenpeace-Wirtschaftsexpertin Ursula Bittner für einen Paradigmenwechsel ein: „Um unsere Natur zu schützen, müssen endlich wirksame Gesetze her, statt gebrochene Versprechen und Greenwashing durch Unternehmen“, sagte sie anlässlich der Veröffentlichung der Analyse. (APA)


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