Zuverdienst bei Jobsuche oft eher der Weg in die Sackgasse

Ein Zuverdienst in der Arbeitslosigkeit kann eine Brücke zu einem neuen Job sein – oder der Weg in die Sackgasse. Über der Geringfügigkeitsgrenze muss deutlich mehr gearbeitet werden, um rentabel auszusteigen.

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© thomas böhm

Wien – Die Arbeitslosenunterstützung soll reformiert werden. Lösungen sind nicht einfach, da jeder Betroffene anders auf die Ausnahmesituation Arbeitslosigkeit reagiert. Die gleiche Maßnahme kann also zu unterschiedlichen Reaktionen führen. So könne der zuletzt heftig diskutierte Zuverdienst in der Arbeitslosigkeit eine Brücke zu einem neuen Job sein - oder der Weg in die Sackgasse, wie es Wifo-Experte Helmut Mahringer am Mittwoch in einer Diskussion der Arbeiterkammer formulierte.

In Summe sei der Zuverdienst für die meisten aber eher ein Hemmnis. In Österreich sei ein besonderes Problem, dass geringfügige Einkommen - unter 475 Euro pro Monat - von Sozialversicherung und Steuer befreit sind, also praktisch netto für brutto ausbezahlt werden. Kommt man hingegen über das Limit, wird das gesamte Einkommen der Sozialversicherung unterworfen. Wer das einarbeiten wolle, müsse deutlich mehr arbeiten. Das sei "nicht integrationsfördernd", so Mahringer.

Auch Gudrun Höfner, Prokuristin von It-works, einer gemeinnützigen Arbeitslosenvermittlung, sieht den Zuverdienst für Arbeitslose kritisch. "Wir erleben Zuverdienst als eher hinderlich in der Vermittlungsarbeit", sagte Höfner. Einerseits erzeuge die Auszahlung ohne Abgaben ein unrealistisches Bild über das erzielbare Nettoeinkommen in der Arbeitswelt. Andererseits verlangen solche Jobs sehr oft hohe Flexibilität der Arbeitenden, was wieder Beratungs- und Bewerbungsgespräche behindere. "Für klassisch arbeitssuchende Menschen würden wir Arbeitstraining bevorzugen", so Höfner. Nur selten sei es möglich, aus einer geringfügigen Beschäftigung in einen Vollzeiterwerb hineinzuwachsen.

Geringfügigkeit hilfreich, wenn keine volle Arbeit möglich

Hilfreich seien geringfügige Beschäftigungen allenfalls dort, wo eine volle Arbeit gar nicht möglich ist, sagte Höfner und Mahringer weist darauf hin, dass bei Langzeitarbeitslosen die Vorteile die Nachteile überwiegen.

Auch das derzeit diskutierte degressive Modell der Arbeitslosenunterstützung, in dem es anfangs mehr Geld gibt, dieses aber schrittweise zurückgeht, hat seine Tücken. Mahringer hebt hervor, dass die meisten Menschen rasch einen Job finden, von der Degression also nicht betroffen wären. Das relativ hohe Arbeitslosengeld am Beginn könnte daher die kurzfristige Arbeitslosigkeit erhöhen. Bei langfristig Arbeitslosen wiederum sei das Problem häufig nicht die Motivation, sondern der Mangel an geeigneten Jobangeboten, bzw. die "Risikofaktoren" Alter oder schlechte Gesundheit - "das muss man politisch bewerten, ob man diese Menschen schlechter stellen will". Auch führe die Existenzsicherung durch Sozialhilfe dazu, dass die Degression gerade bei Geringverdienern "abgeflacht" werde. Schließlich müsse man bedenken, dass die Unterstützung in der Zeit der Arbeitslosigkeit neben der Wiedereingliederung ins Berufsleben auch das Ziel der Existenzsicherung habe.

Unternehmen müssen in die Pflicht genommen werden

Grundsächlich müsse die Reform sowieso drei Ziele berücksichtigen, sagte AK-Expertin Silvia Hofbauer: Arbeitslosenunterstützung müsse vor Armut schützen, sie müsse zu einer fairen Behandlung der Betroffenen führen und sie müsse diese beim Wiedereinstieg in das Berufsleben gut unterstützen. Gerade für den Wiedereinstieg in den Job brauche es einen guten Vermittlungsprozess, der auch rasch nach Beginn der Arbeitslosigkeit starten müsse. Dazu gehöre auch, die Unternehmen in die Pflicht zu nehmen - etwa wenn Frauen berichten, dass sie als junge abgelehnt werden, weil sie schwanger werden könnten, als Mütter, weil sie weniger flexibel seien und dann wenn die Kinder aus dem Haus sind, weil sie zu alt seien. Es gehe auch um "Haltungsänderungen", daran müsse intensiv gearbeitet werden.

Hofbauer wünscht sich ein Arbeitslosengeld in Höhe von 70 Prozent des letzen Nettoeinkommens, statt der derzeit gezahlten 55 Prozent. Der Familienzuschlag von 97 Cent pro Tag sei seit Jahren nicht an die Inflation angepasst worden, das müsse nachgeholt werden. Auch brauche es einen Schutz, dass der Anspruch auf Arbeitslosengeld unverändert bleibt, wenn man einen schlechter bezahlten Job annimmt, denn sonst sinke mit dem geringeren Einkommen der künftige Anspruch und man werde dafür noch einmal bestraft. Einig ist sich Hofbauer mit Mahringer auch, dass nun eine "evidenzbasierte" Diskussion nötig sei, um zu einer guten Lösung zu kommen.

Auch Höfner sieht aus ihrer Erfahrung intensive Beratung als das um und auf einer erfolgreichen Wiedereingliederung. Mahringer plädierte für einen "Mix" an Maßnahmen aus Beratung bis Motivation, von Qualifikationsverbesserungen bis zur Anpassung der Zumutbarkeitsbestimmungen. Wobei sich die Diskussionsteilnehmer einig waren, dass die Zumutbarkeitsbestimmungen in Österreich durchaus streng sind und auch streng angewendet werden. (APA)


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