Im Leokino: Wiener Schmäh und Wiener Lebensgschichtln

„Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel ist ein dokumentarischer Ausflug ins Wien der 1960er.

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Kurt Girk (l.) und Alois Schmutzer, beide bereits verstorben, sind die Erzähler der sensiblen Doku von Tizza Covi und Rainer Frimmel.
© Stadtkino

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Eine Wiener Unterwelt hat’s nie gegeben.“ Das behauptet einer der Strizzis im österreichischen Doku-Film „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“. Eine glatte Lüge, wie die Südtirolerin Tizza Covi und ihr Partner Rainer Frimmel in 115 Filmminuten zeigen. Der Film feierte kurz vor der Pandemie bei der Berlinale 2020 seine Weltpremiere und erhielt von der Dokumentarfilm-Jury prompt eine lobende Erwähnung. Auch in Österreich gewann das Regie-Duo damit schon Diagonale und Romy-Preise.

Wenn der Wienerlied-Sänger Kurt Girk und sein Freund Alois Schmutzer im Meidlinger und Ottakringer Heurigen ihre Gschichtln aus dem Wien der Nachkriegszeit auspacken, ist das ebenso nostalgisch wie hart. Dabei erzählt die unprätentiöse Gesprächs-Doku mehr, als es zunächst scheint. Immerhin geht es dabei auch um die verdrängten Nazi-Jahre, alte Kriegsverbrecher und Erinnerungen an den Suizid der jüdischen Vermieter in der Leo-poldstadt. Leichtigkeit mit Musik und dem so genannten „Stoß“-Kartenspiel trifft sich mit den rauen Sitten im Wien der 1960er. Wie das illegale Spiel genau funktioniert, versteht man allerdings trotz Erklärungen der Protagonisten nicht wirklich. Dagegen führte die Polizei jedenfalls immer wieder Razzien durch. Und auch die „Kieberer“ schreckten im Kampf gegen die frechen Glücksspiel-Kleinkriminellen nicht vor Gewalt und Willkür zurück. Das bekam auch Alois Schmutzer zu spüren, der lange Zeit unschuldig im Gefängnis saß, als vermeintlicher Teilnehmer an einem Postraub. Seine Schwester berichtet von blutigen Revier-Kämpfen und Schießereien im Wiener Wilden Westen. Und doch habe es auch einen Ehrenkodex in der Wiener Unterwelt gegeben.

Der Filmtitel ist derweil von Fjodor Dostojewski und seinen „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ entlehnt. Existenzialistisch wird es auch bei den Wiener Strizzis im Verlauf des Films. Besonders Alois Schmutzer blickt mit durchaus lakonischem Humor auf die für ihn harte Zeit zurück. Nostalgie mit Sozialrealismus und umgekehrt. Statt die echten Menschen als Protagonisten eines dokumentarisch vorbereiteten Spielfilms zu besetzen, wie in vielen ihrer bisherigen Filme, haben sich Covi und Frimmel diesmal für eine zurückhaltende, in Schwarz-Weiß gedrehte Gesprächs-Doku entschieden, nur sparsam angereichert mit ein Archivmaterial aus Zeitungen und dem ORF.

All diese Erzählungen machen „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ zu einem zutiefst wienerischen Porträtfilm über Menschen, die sonst oft nur als Gangster-Klischee auf der Leinwand zu sehen sind. Die Wienerlied-Stimme von Kurt Girk – „der Frank Sinatra von Ottakring“ – ist inzwischen bereits verstummt. Sein Freund Alois Schmutzer, der vor dem Corona-bedingt nach hinten verschobenen Kinostart ebenso verstarb, durfte sich noch über das Interesse an seinen „Lebens-gschichtln“ freuen. Auf der Berlinale 2020 demonstrierte der ehemalige „König der Wiener Unterwelt“ (so wird Schmutz vom Boulevard genannt) auf der Bühne denselben Wiener Schmäh, der auch den ganzen Film trägt: „Es war eine traurige Zeit, aber wir waren lustig.“

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Aufzeichnungen aus der Unterwelt

Ab heute im Kino, in Innsbruck: Leokino.


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