LR Mattle: „Eine duale Akademie hat Charme“

Wirtschaftslandesrat Anton Mattle sprach im Interview mit der Tiroler Tageszeitung über notwendige Reformen bei der Lehrlingsausbildung.

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LR Anton Mattle plädiert für die duale Akademie.
© Rudy De Moor

Bei genauer Betrachtung gibt es das Problem der fehlenden Lehrlinge schon lange. Was läuft da schief?

Anton Mattle: Es ist unbestritten, dass es einen Wettbewerb zwischen Schulen und dualer Ausbildung gibt. Wir sehen seit Jahren die Tendenz, dass Eltern für ihre Kinder eine schulische Grundausbildung bevorzugen. Nach dem Motto: Mach zuerst die Matura, danach steht dir alles offen. Gleichzeitig ist aber die Zahl der Lehrlinge seit einigen Jahren stabil, und das, obwohl sich die Anzahl der Jugendlichen verringert hat.

Trotzdem suchen viele Firmen händeringend nach Lehrlingen.

Mattle: Im Mittelpunkt steht, dass wir den Jugendlichen einen spezifischen und für sie idealen Ausbildungsweg anbieten. Vor allem für die kleinen Betriebe brauchen wir Möglichkeiten, dass eine so genannte triale Ausbildung angeboten werden kann. In der Baubranche funktioniert das schon sehr gut. Dort gibt es die Berufsschule, die Praxis und die Bauakademie am Wifi. Aber wir müssen auch neue Wege andenken. Da geht es zum Beispiel darum, Anreize für Jugendliche zu setzen, dass sie nach der Matura in einem technischen oder kaufmännischen Beruf eine höhere Qualifikation erreichen können. Zeitlich sollte das über ein oder zwei praktische Jahre möglich sein. Eine solche duale Akademie hat für mich schon sehr viel Charme.

Das ist jetzt eine Initiative auf Bundesebene. Wie kann man das auf das Land herunterbrechen bzw. gibt es in dieser Hinsicht schon Pläne?

Mattle: Einer dieser Wege wäre, dass wir Bereiche ansprechen, die ein ähnliches Ausbildungsszenario haben. Es nützt uns nichts, wenn wir da nur drei, vier Leute in einem Jahrgang haben – da braucht es dann schon eine volle Klasse. Wichtig ist also ein Bekenntnis zu diesem Modell, Kooperationen in der Wirtschaft und natürlich entsprechende Bewerbung.

In Tirol scheint das schon schwierig zu sein.

Mattle: Ich glaube schon, dass es möglich ist, zumindest einmal im Großraum Innsbruck oder in Regionen, in denen aufgrund der Unternehmensstruktur ähnliche Berufsqualifikationen immer wieder gesucht werden, ein Pilotprojekt zu starten.

Eine solche duale Akademie wäre also für jeweils eine Branche zuständig?

Mattle: Genau, das wäre der Weg. Damit hätten wir ein Angebot für diejenigen, die zuerst in die Schule gehen. Eine weitere Überlegung ist die Möglichkeit der Ausbildung in zwei Geschwindigkeiten. Begabungen sind unterschiedlich gelagert, aber es ist wichtig, dass die Jugendlichen eine abgeschlossene Ausbildung haben – das ist die beste Arbeitslosenversicherung. Und zu guter Letzt muss man sich die Frage stellen: Brauchen wir für jede Sparte eine dreijährige Ausbildung? Hier könnte man eventuell die duale Ausbildung noch stärker mit dem Polytechnikum vernetzen.

Also ist die derzeitige duale Ausbildung als System gut, aber zu starr?

Mattle: Genau, es geht jetzt darum, die duale Ausbildung an die geänderten Rahmenbedingungen anzupassen. Und die Gesellschaft anerkennt schon, dass die duale Ausbildung ein wertvoller Teil des Ganzen ist.

Image-Kampagnen werden aber nicht genügen?

Mattle: Die Frage ist: Wie können wir die Jugendlichen begeistern, eine Ausbildung zu starten? Es braucht auch für diese Form der Ausbildung entsprechende öffentliche Anerkennung. Bei den Erasmus-Programmen – beispielsweise Auslandspraktika – brauchen wir mehr Möglichkeiten für kleine Betriebe, weil in diesem Bereich machen das fast nur große. Zudem sollte es auch den Professional Master geben. Das sind so die kleinen Sahnehäubchen, die es braucht, um der dualen Ausbildung die nötige Anerkennung zu verschaffen.

Das Interview führte Hugo Müllner


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