Drei Jahre wach: „Techno Humanities“ in Bozen

Langzeitprogramm „Techno Humanities“: Bart van der Heide öffnet das Bozner Museion für einen thematischen Schwerpunkt, mit Techno meint er mehr als eine Musikrichtung. Die heimische Szene ist an Bord.

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Immersiv wird‘s öfter: Sandra Mujingas „Mísato“, „Mítáno“, „Mínei“ und „Míbalé“ (alle 2020) empfangen das Publikum im zweiten Stock.
© Guadagnini

Von Barbara Unterthurner

Bozen – Beim Eintritt werden die Kopfhörer ausgehändigt – in einem Museum nicht weiter unüblich. Im Museion in Bozen aber setzt beim Einschalten nicht ein Audioguide ein, sondern Technomusik. Florian Fischer & Samuel Kerridge haben „Rittornell“ produziert, den Soundtrack für die neue Ausstellung. Mit 120 Beats pro Minute taucht diese ein in „Techno Humanities“ (2021–2023), ein Schwerpunkt, den Direktor Bart van der Heide über drei Jahre ausrollt.

Es ist das erste Projekt des Niederländers, der 2019 von Amsterdam nach Bozen wechselte. Das erste Kapitel seines Langzeitprogramms ist nun zu sehen. Techno nimmt erstmals das ganze Haus ein, dementsprechend groß gedacht ist das Konzept: Techno ist nicht nur Musik, Subkultur, hemmungsloser Hedonismus in dunklen Clubs und Empowerment, sondern als Entwicklung in Richtung Mainstream zu sehen, die parallel zum Voranschreiten von Globalisierung, De-Industrialisierung und Digitalisierung abläuft. Techno wird zur Linse, die einen Blick auf menschliche Zustände und soziale Ordnung ermöglicht.

Zuerst aber zur Subkultur, vor allem jener in Südtirol. Die frei zugängliche Passage ist heimischen Akteuren gewidmet und eröffnet ein „mögliches“ Archiv aus Memorabilia: Merch, Fotos, Flyer der heimischen Veranstalter atmen noch die Luft durchtanzter Nächte auf illegalen Raves. Heute wird legal geravt: Gemeinsam mit dem Festival transart inszeniert Isabel Lewis derzeit täglich den „Day Rave“ als Erlebnis zwischen meditativer Séance und vernebeltem Synästhesie-Erlebnis.

Durchaus ein Erlebnis ist aber vor allem die Ausstellung selbst, die sich über drei thematische Räume von „Freiheit“ zu „Kompression“ und „Erschöpfung“ auswächst.

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Zunächst heißt es freimachen von der physischen Identität, mit Jacolby Satterwhites Avataren, die von in ihren dystopischen Video-Spielwelten in den realen Raum hinüberzutanzen scheinen. Oder man widmet sich seltsamen Gespenstern der Gegenwart, die bei Sandra Mujinga für digitale Überwachung, die langen Schatten des Kolonialismus und die fortschreitende Umweltzerstörung stehen könnten. Da passt der Fake-Traumfänger aus Elektroschrott und Narrativen zeitgenössischer Verschwörungstheorien der Tirolerin Karin Ferrari natürlich perfekt ins (zeitgenössische) Bild.

Noch komprimierter fliegen einem diese Themen im dritten Stockwerk um die Ohren. Dort vergeht einem vor den Bildschirmen von Yuri Pattison schnell das Staunen. Die Schönheit der digitalen Sonnenuntergänge steht im direkten Zwiespalt mit der Luftverschmutzungsprognose: Je idyllischer das Bild, desto dunkler die Zukunft. Was die Konsumgesellschaft so übrig lässt, hat der Südtiroler Leander Schwazer zur Säule „Force Majeur“ aufgetürmt und Sung Tieu in „Loveless“ anhand von Nicht-Orten inszeniert. Endgültig verlieren wird sich das Publikum in „Devotion Strategy“, einem begehbaren Labyrinth von Jan Vorisek. Das Ziel ist hier der Anfang. So logisch erfolgt der vorgezeichnete Weg durchs Museum leider nicht, wirklich frei bewegen kann man sich hier nicht. Das dürfte auch mit den Corona-Vorgaben in Südtirol zu tun haben.

Sonst macht Van der Heide viel richtig: Er setzt auf Zeitgenossenschaft, ohne auf Sinnlichkeit zu vergessen. Die junge heimische Szene dankt es ihm. Die internationale wird folgen, sofern es das Virus zulässt. Eine Herausforderung wird sein, jahrelang Aufmerksamkeit zu generieren, weiterhin Entladung zu provozieren. Ein sattes Rahmenprogramm muss her: Eine Anthologie mit kritischen Texten ist da, ein Podcast soll folgen. Wird man am Ende frei nach EDM-DJ Lützenkirchen singen: Auf geht’s ab geht’s: Drei Jahre wach? Der Auftakt ist jedenfalls gelungen.

Museion

Piero Siena Platz 1, Bozen; bis 16. März 2022, Di–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr. museion.it


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