„Terra baixa“ als Tanzstück: Ein Wolf im Wolfspelz

Mehr als ein Revierkampf: Enrique Gasa Valga bringt „Terra baixa“ als Tanzstück in die Innsbrucker Kammerspiele.

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Der Wolf (Marco Marangio) und seine Beute: Marta (Laura Brandi) ist in dieser „Terra baixa“ der Star.
© Birgit Gufler

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Der Wolf ist hier einmal ganz eindeutig der Böse. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Ungetüm das Dorf terrorisiert ebenso wie die Schafe, die dort leben. Kurzum: Der Wolf muss weg. In „Terra baixa“ steht dieser aber eben stellvertretend für den Großgrundbesitzer Sebastià, ein Wolf im Wolfspelz, der im Katalonien des 19. Jahrhunderts keinen Hehl daraus macht, dass er nicht nur über Land, sondern auch über Leute herrscht. Ihm untergeben ist zunächst auch Marta, die, zwischen Männern zerrissen, erst irgendwann aufsteht, um mit einem Stich sich und das ganze Dorf zu befreien.

„Terra baixa“ ist ein Stück katalanischer Nationalliteratur, die Enrique Gasa Valga auf die Bühne der Innsbrucker Kammerspiele hievt. Sein neues Tanzstück kam am Freitagabend zur Uraufführung und ist noch bis in den Dezember zu sehen. Gasa Valga bringt ein Stück Heimat mit nach Innsbruck, seit 2009 leitet der Katalane die Tanzcompany am Landestheater.

Den Fokus bei „Terra baixa“ legt Gasa Valga in seiner Interpretation auf die Frauen. Das ist neu: In der Basis, Àngel Guimeràs gleichnamigem Theaterstück von 1896, standen noch die Männer im Mittelpunkt. Darunter neben Sebastià etwa Manelic, ein einfacher Mann aus den Bergen, den der Großgrundbesitzer mit der Aussicht auf die ganz große Liebe in die Ebene (oder katalanisch „terra baixa“) lockt. Marta, Sebastiàs Geliebte, soll seine Ehefrau werden und dennoch Sebastiàs Geliebte bleiben. Weil’s der Tyrann eben kann.

In „Terra baixa“ funktioniert das jetzt aber eben nur so lange, wie sie auch will. Denn schon bald erkennt Marta die Aufrichtigkeit von Manelics Liebe, die der toxischen Beziehung mit dem Wolf doch vorzuziehen ist. Der Wendepunkt: Marta sagt sich von Sebastià los. Die Ménage-à-trois wächst sich zu einem Revierkampf aus, wo am Ende, Spot von oben, natürlich Blut fließt – nein, besser ganz poetisch eine rote Wolke auf den Boden sinkt (Dramaturgie: Axel Gade). Ende gut, Tyrann tot.

Bis dorthin tänzelt die beeindruckend präzise Marta (Laura Brandi) aber quasi eineinhalb Stunden zwischen den Männern hin und her; zuerst abwehrend gegen Sebastiàs unangenehm grapschende Berührungen, dann abfällig gegenüber der zarten Liebe von Manelic. Die Spannung in ihrem Körper löst sich erst, als sie die wahre Liebe erkennt. Und beginnt selbst zu lieben.

Von der Musik, eine meist energische, oft tieftraurige Kompilation katalanischer Volksmusik (interpretiert von Sílvia Pérez Cruz), werden die TänzerInnen – allen voran Mingfu Guo als Manelic, Marco Marangio als Sebastià und Camilla Danesi als Mutmacherin Nuri – angetrieben. Sie bestehen selbst in den vielen Momenten, wo nur eine einzelne spanische Gitarre den Takt vorgibt.

Ähnlich minimalistisch sind auch Bühne (ein moderner Stall von Helfried Lauckner) und Kostüme (fließende Kleider von Andrea Kuprian), nichts lenkt von der Körpersprache ab. Denn in die in Tanz übersetzte Sprache muss sich das Publikum in diesem Stück voll einlassen. An wen die flehende Stimme von Pérez Cruz sich da richtet, kann mangels Übersetzung oft nur erahnt werden. Erst am Schluss – das Dorf versammelt sich vor dem toten Wolf und das Partisanenlied „Bella Ciao“ erklingt – ist klar: Die Geschichte der Befreiung von Tryannei und brutaler Liebe erzählt die größere Geschichte der Unabhängigkeit. Das hätte man angesichts der politischen Gegenwart in Katalonien durchaus dringlicher machen können – ohne auf patriotischen Kitsch hereinzufallen. Diese Komponente in Kombination mit einem Frauenfokus im Tanz zu erörtern, wäre spannend gewesen. Musste Gasa Valga mit seiner Marta aber nicht. Seine Erzählung der alten Heimat wurde in seiner neuen Heimat mit tosendem Applaus belohnt.


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