Himmel und Hölle: Ur-Oper wirkt noch

Im Theater an der Wien wurde mit „Rappresentatione di Anima et di Corpo“ die erste Oper überhaupt bejubelt.

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Allegorische Prüfungen auf dem Weg zur Himmelfahrt: Anett Fritsch und Daniel Schmutzhard (Mitte) in der „Rappresentatione di Anima et di Corpo“.
© Werner Kmetitsch

Von Stefan Musil

Wien – Menschen von Heute stehen auf der leeren Bühne, mit Trolleys und Taschen in der Hand, auf dem Weg irgendwohin, irgendwoher kommend. Es sind die Mitwirkenden des Abends, die Regisseur Robert Carsen in seinem Prolog sie selbst sein lässt. Sie fragen sich, wo sie sind, wohin sie das Leben führt, worin der Sinn liegt. Die Künstler aus aller Welt sprechen bald in allen möglichen Sprachen. Bis die Zeit, Il Tempo (Georg Nigl), als Obdachloser, herbeitorkelt und die Vergänglichkeit des Lebens beschwört, in dem man so viel Gutes wie möglich tun solle.

Damit hebt „Rappresentatione di Anima et di Corpo“ an. Zur Feier des Heiligen Jahres 1600 hat sie Emilio de’Cavalieri für Rom erfunden. Er hat hier als einer der Ersten die Poesie singend vortragen lassen, in dieser wunderbaren Fehlinterpretation des griechischen Theaters. Wodurch die Gattung „Oper“ zum ersten Mal in religiöser Gestalt, und in weltlicher nur wenig später mit Jacopo Peris „Euridice“, das Licht der Bühnenwelt erblickte, bis Monteverdis „Orfeo“ 1607 den Durchbruch brachte.

Roland Geyer hat diese erste im Druck erschienene Oper an den Anfang seiner letzten Intendanten-Saison gestellt. Wobei immer wieder diskutiert wird, ob es Oratorium, Oper oder eine „erste geistliche Oper“ ist, wie Musikologin Silke Leopold wohl richtiger meinte. Der Stoff ist eine geistliche Allegorie, die Anima und Corpo, also Seele und Geist, auf die Erleuchtungsreise schickt.

In Robert Carsen hat man dafür den richtigen Regisseur gefunden, der es versteht, den komplexen Stoff in heutige, eindrucksvoll schöne, berührende Bilder zu setzen und zu übersetzen. Er steckt Anima und Corpo in Jeans und lässt die beiden, zu Menschen wie Du und Ich geworden, vor die diversen Allegorien treten und ihre Prüfungen bestehen. Daniel Schmutzhard leiht dem Corpo seinen kernig ansprechenden Bariton, Anett Fritsch erfüllt mit den leuchtend fließenden Linien ihres Soprans die Seele. Florian Boesch gibt ihnen als Guter Rat die Warnungen vor den vielen Versuchungen mit auf den steinigen Weg. Sie widerstehen den Verlockungen durch Vergnügen, Reichtum und Macht. Mit kraftvollem Counter gratuliert ihnen der Angelo Custode (Carlo Vistole) dazu. Und selbst dem gestrengen Drängen von Verstand (Cyril Auvity) und Guter Rat, die nur Himmel oder Hölle kennen, können die Prüflinge widerstehen. Robert Carsen lässt dazu Körper an Seilen in die Hölle stürzen und in den Himmel auffahren. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Gutes nicht aus Angst vor Bestrafung entsteht. Ein Hauch von Jungschartreffen darf sein, wenn der glückliche Ausgang gefeiert wird, den Carsen geschickt allgemeingültig überhöht: Alles tanzt und singt, die tollen Sänger, die Tänzer und der begeisternde Arnold Schoenberg Chor in weißen Gewändern, während im Graben die Mitglieder von Il Giardino Armonico herrlich firm und farbenreich musizieren. Ihnen steht Giovanni Antonini vor, der sich als idealer Kenner und Könner für die musikalischen und stilistischen Belange beweist. Begeisterter Jubel!

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