Manu Delago: Klanglich und visuell mit der Umwelt verschmolzen

Musik, die weitergeht: Manu Delago setzt in seinem neuen Album „Environ Me“ auf die Klänge seiner Umwelt. Tour-Auftakt ist in Innsbruck.

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Manu Delago tourte als Hang-Spieler international, u. a. mit Björk oder Anoushka Shankar. Sein neues Soloalbum erscheint morgen.
© Rainer

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Wie klingt unsere Umwelt? Gar nicht so natürlich, wie sich viele wünschen würden. Autolärm rauscht, Apparate klicken und krachen, Stromleitungen vibrieren. Aber das Ohr hat sich daran gewöhnt. Wie ein Tandemflug mit Orgelpfeifen klingt oder welche Töne vier Percussionisten im halb zugefrorenen Möserer See erzeugen, das hat Manu Delago in den letzten Monaten herausgefunden.

Bekanntes und ziemlich unkonventionelles Klangmaterial hat der Hang-Spieler auf „Environ Me“ zusammengefasst, gelooped, in Melodie- und Rhythmusfolgen verwandelt. Bis am Ende ein ganzes Album entstand, das zwischen Ambient und Electronica changierend voll und ganz mit der (Tiroler) Umwelt verschmolzen ist. Morgen erscheint der Longplayer offiziell, mit 5. Oktober startet Delago seine Tour in Innsbruck.

Genauer im Treibhaus-Turm, den Manu Delago mit seiner Tour nach eineinhalb Jahren Corona-bedingter Ruhe wieder mit Sound befüllen wird – aber nicht nur. Auch eine visuelle Komponente soll auf dieser Tour eine Rolle spielen. Zu jedem seiner zwölf neuen Tracks wird ein Video erscheinen. Auch eine digitale Begleitung für Delago, der für „Environ Me“ alleine auf der Bühne stehen wird.

Digitale Unterstützung holt sich Delago auch auf klanglicher Ebene. „Environ Me“ ist, das wird beim ersten Reinhören klar, ganz anders als seine letzten, akustischen Alben. Schon beim Opener „Interference“ zieht eine düster rauschende Klangwolke auf, in der sich Posaune und Klarinette mit dem Knistern von Stromleitungen und metallischen Lauten mischen. Woher die Klänge stammen, zeigt das dazugehörige Video: Dort klopft Delago mit drei anderen Musikern einen stillgelegten Skiliftmasten ab.

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Die Inspiration für „Environ Me“ kommt gänzlich aus dem „environment“, der Umgebung: „Curveball“ huldigt dem „Ritsch-Ratsch“ eines Ballspiels im Park, für „Pattern Pulse Popcorn“ verschlägt es Delago kurz in den Club, bis ihm klar wird, dass die wirklich interessanten Klänge aus der Werkstatt nebenan kommen.

Mehr Natur steckt im zweiten Teil des Albums: In „Fauna Sauna“ etwa battelt sich Vogelgezwitscher mit Hang-Melodie. Während in „Liquid Hands“ sich die Melodien in Klangwellen bewegen – so lange, bis die treibenden Beats den Sound zum Klanggewitter aufpeitschen. Mal sind es ins Wasser fallende Steine, mal im Wasser plantschende Hände, die die Klangkulisse beeinflussen. Die Choreographie dazu hält das Video parat.

Spannungsgeladen und endgültig nach Maschinenraum klingt „ReCycling“, das aus Aufnahmen von Delagos Sommer-Tour besteht. Antriebskraft war jedoch der Körper: 1500 Kilometer radelte Delago mit Mitmusikern durch Österreich. Der Umwelt zuliebe und weil es gilt, Alternativen aufzuzeigen, wiederholt der Tiroler beharrlich.

Aktiv für den Umweltschutz einstehen will Delago mit dieser LP einmal mehr. Nicht nur indem er klanglich Bewusstsein schafft. Für „Trees in the Wood“ versammelt er 20 Kontrabässe im abgeholzten Wald. Auch um nach der Aufnahme 25 Bergulmen zu pflanzen. Die Message ist auch ohne Sprache (eine Stimme hat nur „Footsteps“ mit Isobel Cope) unmissverständlich. Delago will Musik, die weiter geht. Ist ihm mit diesem wandlungsfähigen Album gelungen.

Ambient/Electro

Manu Delago: Environ Me. One Little Indipendent Records.

Live: Am 5. und 6. Oktober im Innsbrucker Treibhaus.


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