Damit kein Volk ähnliche Erfahrungen machen muss

„Das neue Östereich“: Bundeskanzler Kurz hat in New York die Staatsbürgerschaft an Nachfahren von Holocaust-Opfern überreicht.

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Kanzler Kurz mit Rabbi Schneier in New York.
© APA/BKA/Tatic

Von Floo Weißmann aus New York

New York – Rabbi Arthur Schneier erinnert sich an seine Kindheit in Wien: „Juden und Hunde unerwünscht“, habe es damals geheißen, erzählt der 91-Jährige. Er überlebte den Holocaust in Budapest, seit den Sechzigerjahren ist er eine führende Figur in der jüdischen Gemeinde von New York. „Ich habe ein Versprechen abgegeben“, sagt Schneier. „Jeden Tag werde ich dafür arbeiten, dass kein Volk ähnliche Erfahrungen machen muss.“

Am Donnerstagabend ist Schneier am österreichischen Generalkonsulat in New York, um einem besonderen Moment zu beizuwohnen: Seine Tochter Karen Schneier Dresbach, Vizepräsidentin der von ihm gegründeten Stiftung „Appeal of Conscience Foundation“, soll österreichische Staatsbürgerin werden.

Seit einem Jahr können Nachkommen von Holocaust-Opfern per so genannter Anzeige die Staatsbürgerschaft erhalten. Bis Ende August waren knapp 16.600 solcher Anzeigen eingegangen, 6600 Fälle wurden bereits positiv beschieden.

Die Zeremonie am Generalkonsulat ist klein. Sechs Neo-Österreicher sind geladen, gut 30 Personen drängen sich in dem dunkel getäfelten Raum. Hinter dem Rednerpult stehen die amerikanische, die österreichische und die europäische Fahne.

„Wir haben eine historische Verantwortung“

„Wir haben eine historische Verantwortung“, sagt Bundeskanzler Sebastian Kurz, der die Verleihung vornimmt. Der Kanzler versteht darunter u. a. den Kampf gegen jede Form von Antisemitismus und eine enge Partnerschaft mit Israel, wie er sagt. Er hat am Rande der UNO-Generalversammlung in New York auch führende Vertreter jüdischer Organisationen getroffen. An die Neo-Österreicher gerichtet, sagt Kurz: „Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse an der österreichischen Staatsbürgerschaft.“

Sodann erheben sich die Nachfahren von Holocaust-Opfern zur Bundeshymne, live intoniert von dem in New York lebenden Tiroler Jazztrompeter Franz Hackl und dem Salzburger Saxophonisten Gottfried Stöger.

Er fühle, dass sich ein Kreis schließt, sagt der Neo-Österreicher und Publizist Lawrence Weschler der TT. Unter seinen Vorfahren waren u. a. bekannte Wiener Musiker. Er wolle unterstützen, was hier vor sich geht, erklärt er seine Motivation für die Anzeige. Ob er nun mit einem anderen Gefühl nach Österreich reist? – „Daran arbeite ich noch.“

Schneier Dresbach gibt zu verstehen, dass sie die Staatsbürgerschaft stellvertretend für ihre Familie annimmt.

Ihr Vater wird im Generalkonsulat auch gefragt, wie er den neuen Antisemitismus sieht. Wann immer es einen Umbruch und Verunsicherung gibt, „ist der Jude der Sündenbock“, sagt er. „Wir müssen wachsam sein.“

Der Rabbi freut sich zugleich über eine neue Generation, von der er sicher ist, dass sie niemals wieder zulassen wird, was damals geschehen ist. Anders als während der Novemberpogrome 1938, als die Polizei nicht eingegriffen hat, stehe heute vor jeder Synagoge ein Polizist. „Das ist das neue Österreich.“


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