Aus dem Widerstand zu den Nazis im Gefängnis

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Der Ausweis von Maria Stromberger aus Auschwitz. Sie nutzte ihre Position, um Häftlingen zu helfen.
© Archiv Walser

Wien – „Wissen Sie, ich bin mitten unter Nazis, SS, Gestapo!! Ich als ihr größter Feind!“, schrieb Maria Stromberger am 18. Juli 1946 an ihren Freund Edward Pys in Polen. Die Krankenschwester war in Brederis interniert, einem Anhaltelager für Nationalsozialisten in Vorarlberg. Ihr wurde vorgeworfen, im Konzentrationslager Auschwitz Häftlingen tödliche Phenolspritzen verabreicht zu haben. Die Realität war eine andere: Maria Stromberger hatte unter Einsatz ihres Lebens den Widerstand im Lager unterstützt. Der frühere Grün-Abgeordnete Harald Walser erinnert in einem aktuellen Buch an diese außerordentliche Frau.

„Sie hat mich ein Historikerleben lang begleitet“, erzählt Walser. Maria Stromberger (1898–1957) stammte aus Kärnten und lebte lang in Vorarlberg.

Ihre Geschichte ist eine doppelte. Es ist die Geschichte einer mutigen Frau, die sich freiwillig nach Auschwitz meldete. „Haben Sie völlig den Verstand verloren“, fragte ein Vorgesetzter. Sie wurde Oberschwester im Krankenrevier der SS. Dort arbeiteten auch politische Häftlinge wie Pys. Ihnen half sie zu überleben. Mit ihnen feierte sie Weihnachten. „Sie war ein Engel in der Hölle von Auschwitz“, schrieb Pys nach Strombergers Tod an deren Schwester.

Von den Häftlingen ließ sie sich auch für den Widerstand im Lager anwerben. Sie schmuggelte Nachrichten aus dem Lager bis nach Wien. Sie brachte zwei Revolver und einmal sogar Sprengstoff ins Lager.

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Zwar wurden SS-Leute misstrauisch, weil sie Häftlinge so gut behandelte. Maria Stromberger hatte aber Glück. Sie flog nicht auf. Im Jänner 1945, zwei Wochen vor der Evakuierung und Befreiung des Konzentrationslagers, wurde sie abgezogen. Ihr Chef – der Standortarzt – hatte sie ohne ihr Wissen morphiumsüchtig geschrieben und ihr damit vermutlich das Leben gerettet.

Die zweite Geschichte ist die einer Frau, die im Nachkriegsösterreich weder Platz noch Verständnis findet. 1946 saß sie stattdessen als mutmaßliche Kriegsverbrecherin unter Nazis ein. Jetzt konnte Pys helfen. Er brachte den Fall der inhaftierten Widerständlerin in die Zeitung.

Der spätere polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz – auch er ein ehemaliger Auschwitz-Häftling, der Stromberger schätzte – intervenierte bei den französischen Besatzungsbehörden. Im September 1946 kam sie frei. 1947 sagte sie im Prozess gegen Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß in Warschau aus.

Anerkennung und Aufnahme fand die gläubige Katholikin auch danach ausgerechnet beim kommunistisch geprägten KZ-Verband, der sie zum Ehrenmitglied machte. Nach ihrem Tod 1957 erschienen Nachrufe nur in zwei Zeitungen: In der kommunistischen Volksstimme und in der katholischen Furche.

Eine erste Gedenktafel wurde erst 1995 im Kloster Mehrerau (Vorarlberg) enthüllt. Eine zweite 2016 in Kloster Wernberg (Kärnten). In Bregenz ist mittlerweile ein Weg nach ihr benannt. Das Urnengrab Maria Strombergers in Lindau am Bodensee hingegen ist aufgelassen.

Walser konnte für seine Biografie auf Unterlagen und Briefe aus dem Nachlass Maria Strombergers zurückgreifen. Dokumente daraus stellte er als Dauerleihgabe auch für die neue österreichische Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz zur Verfügung. Die Ausstellung wird am 4. Oktober von Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnet. (sabl)


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