Eine „Epidemie": Frauenmorde sorgen in Großbritannien für Entsetzen

Eine junge Frau wird ermordet, der Täter ist offenbar ausgerechnet ein Polizist. Der Mord an Sarah Everard hielt Großbritannien in Atem, juristisch ist der Fall so gut wie abgeschlossen. Doch kurz vor dem Urteil wird dem Land klar: Es war beileibe kein Einzelfall.

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Während einer Demonstration Anfang April in London.
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Von Benedikt von Imhoff, dpa

London – London im März 2021: Eine junge Frau ist tot, sie wurde ermordet. Hunderte trauern und protestieren. London im September 2021: Eine junge Frau ist tot, sie wurde ermordet. Hunderte trauern und protestieren. Die Bilder sind die gleichen, die Wut, die Trauer. Keine 200 Tage ist der Mord an der Londonerin Sarah Everard her, der landesweit Bestürzung auslöste und Forderungen nach mehr Einsatz im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen. Da schockiert erneut ein Mord an einer jungen Frau die britische Hauptstadt.

Am 17. September verschwindet Sabina Nessa. Von ihrer Wohnung im Londoner Südosten sind es nur gut fünf Minuten zu dem Pub, in dem sie mit einer Freundin verabredet ist. Die 28 Jahre alte Lehrerin kommt nie an. Ihr Weg führte Sabina Nessa durch einen Park, dort wird am nächsten Tag ihre Leiche entdeckt. Und wieder fragen sich zahlreiche Frauen in London und anderswo im Land: Wann hört es auf, dass sie Angst haben müssen vor dem Nachhauseweg im Dunkeln, dem Spaziergang im Park, dem Gang zur Kneipe oder zum Sportstudio?

„Bei uns herrscht eine Epidemie, wenn es um Gewalt gegen Frauen und Mädchen geht", sagt der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan nach dem Mord an Sabina Nessa. Es müsse endlich gehandelt werden, fordert er. Die Worte ähneln den schockierten Aussagen von Politikern nach dem Mord an Sarah Everard.

Der geständige Täter: ein Polizist

Die 33-Jährige verschwand am 3. März spurlos, als sie in Südlondon von einer Freundin nach Hause ging. Tagelang wurde nach ihr gesucht, bis Everards sterbliche Überreste in der südostenglischen Grafschaft Kent gefunden wurden. Der geständige Täter: ein Polizist. Er gibt zu, die 33-Jährige entführt, vergewaltigt und getötet zu haben. Am kommenden Mittwoch (29. September) beginnt in London die Urteilsverkündung gegen den 48-Jährigen, sie soll zwei Tage dauern. Es gilt als äußerst wahrscheinlich, dass das Strafgericht Old Bailey den Mann zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Eine Gedenkstätte für Sarah Everard in London.
© via www.imago-images.de

Juristisch ist der Fall Sarah Everard bald abgeschlossen. Und klar ist auch: Der aufsehenerregende Mord hat die britische Gesellschaft verändert und ein Schlaglicht auf Gewalt gegen Frauen geworfen. Tausende Frauen teilten online ihre Erfahrungen mit Unsicherheit, Angst, Stalkern und sexueller Belästigung. Reclaim These Streets – Holt Euch diese Straßen zurück – war eine der Organisationen, die entstanden. Doch der Fall Sabina Nessa zeige, dass sich seither nichts geändert habe, schreibt Co-Gründerin Jamie Klingler nun verbittert in der Zeitung Telegraph.

Die Zahlen sind ernüchternd: In den nicht einmal 200 Tagen zwischen den Morden an Sarah Everard und Sabina Nessa zählte der Sender ITV in Großbritannien 77 Frauen, die mutmaßlich von Männern getötet wurden. Seit Jahresbeginn sind es nach Zählung der Gruppe Counting Dead Women 106 – das entspricht einer Toten alle zweieinhalb Tage. Drei Viertel aller Frauen über 16 Jahren seien schon einmal in der Öffentlichkeit belästigt worden, sagt die Opferbeauftragte Vera Baird dem Sender BBC Radio 4. Sie fordert, die Polizei müsse mehr Augenmerk darauf legen, Frauen zu schützen. Stattdessen hätten Beamte Flugblätter verteilt, wie Frauen gefährliche Situationen vermeiden könnten.

Maßnahmen nicht ausreichend

Seit Juli läuft ein Programm, mit dem die Regierung das Problem der Gewalt gegen Frauen und Mädchen angehen will. Dazu gehören ein besonderes Augenmerk auf Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr, aber auch umstrittene Ideen wie der Einsatz von Zivilbeamten in Pubs und Clubs. Grundsätzlich sei das ein guter Ansatz, sagen Aktivistinnen. Doch es reiche bei weitem nicht.

Eine Polizeiaufsichtsbehörde sei in einem Bericht zu dem Schluss gekommen, dass Gewalt gegen Frauen ähnlich vorrangig behandelt werden müsse wie der Anti-Terrorkampf, sagte die Aktivistin Mary Morgan der Zeitung Independent. „Und das Beste, das sie uns bieten können, sind mehr Straßenlaternen?" Mandu Reid von der Frauenrechtepartei Women's Equality Party forderte, es müssten endlich die Ursachen bekämpft werden anstatt die Folgen zu verwalten. Die Aktivistinnen fürchten, dass es sonst erneut keine 200 Tage dauern wird, bis Hunderte gemeinsam trauern – und protestieren.


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