Der neue „Barbiere“: Wie man sich Rossini verscherzt

Die Wiener Staatsoper tauschte ihren Uralt-„Barbiere di Siviglia“ gegen einen bunten Scherzartikel.

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Farben, Frisuren, Fisimatenten: Regisseur Herbert Fritsch bleibt seinem Stil auch an der Staatsoper treu.
© Staatsoper

Von Stefan Musil

Wien – Es darf schon sein, dass nach 54 Jahren eine Produktion wie der alte Wiener „Barbiere“ in den Ruhestand geht. Wie lange sich der neue hält, der von Teilen des Publikums vehement zum Erfolg geklatscht wurde, bleibt abzuwarten. Er ist auf jeden Fall Repertoire-tauglich. Zu danken ist das Herbert Fritsch. Der war Frank-Castorf-Schauspieler, ist Medienkünstler und seit einigen Jahren auch Schauspiel-Regisseur mit Opernausflügen. Aus dem Burgtheater kennt man seine hypernervöse, kunterbunte Regiemasche bereits. Jetzt schlug er auch in der Staatsoper zu und lässt die Sänger zappeln. Und Grimassen schneiden, und sich winden oder Disco-tänzeln oder hupfen oder fummeln ...

Alles nur ganz vorne an der Rampe. In überzogenen Rokoko-Kostümen von Victoria Behr. Das macht Eindruck, wenn auch wenig Sinn. Und es ist ungefähr so witzig wie die Neigungsgruppe ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) der Faschingsgilde Gigritzpotschn, die für ihren Gastauftritt als Commedia-dell’arte-Stegreif-Truppe beim Karneval von Venedig probt.

Fritsch verbrämt das mit seinem Bühnenbild sogar künstlerisch. Transparente bunte Vorhänge in allen Farben werden ineinander verschoben und verblendet. Das ergibt ständig neue Farbkombinationen, von Regenbogen bis Italienfahne, vor denen die Sänger dann herumhampeln. Ist als Versuch über einen psychedelischen Bühnenraum gemeint, und schaut doch nur aus, als ob jemand zu lange mit Tauchlack gespielt hätte.

Musiziert wird auch. Dirigent Michele Mariotti zeigt, dass er mit dem etwas flach klingenden Orchester geprobt hat. Liebevoll wurde herausgeputzt, etwa ein Streicherlauf, dann eine Flötenstimme, hier ein überzogenes Ritardando, dort ein übertriebenes Crescendo. Macht Wirkung, aber wenig Stimmung. Ausgenommen, es steht Rossiniweltmeister Juan Diego Flórez als Conte Almaviva auf der Bühne, dem auch die absurd schwierige zweite Arie zum Bravourstück gelingt. Prachtvoll saftig begeistert ebenso der Basilio von Ildar Abdrazakov. Der Figaro von Étienne Dupuis klingt von grob bis kernig sympathisch, aber eher wenig gewitzt in den Koloraturen. So wie er, ist auch die blutjunge Vasilisa Berzhanskaya als Rosina kürzlich eingesprungen. Sie lässt vorsichtig zart apartes Mezzo-Material hören, pixelt und verpixelt ihre Koloraturen aber mehr als sie zu singen, obwohl Mariotti sie oft in Zeitlupe begleitet. Die braucht Paolo Bordogna als Bartolo nicht, denn er agiert überlustig mit seinem dünngesponnenen Bariton. Als Sahnehäubchen lässt Fritsch auch noch Ruth Brauer-Kvam wie einen verhungerten Casanova im Strampelanzug durch die Kulisse spagateln und springinkerln. Sie macht das super. Weshalb, bleibt nicht die einzige offene Frage dieser Produktion.

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