„Oleanna“-Premiere: Eskalation der achtlosen Macht im Kellertheater

Premiere von „Oleanna“ im Kellertheater: Machtspiele und Machtmissbrauch mit wechselnden Vorzeichen und ungebrochener Brisanz im Lichte der #Metoo-Debatte.

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Handgreifliche Hirn- und Hilflosigkeit. Uni-Lehrer John (Hans Danner) versucht Studentin Carol (Maria Astl) zum Schweigen zu bringen.
© Kellertheater

Von Markus Schramek

Innsbruck – David Mamets Theaterstück „Oleanna“ ist fast 30 Jahre alt. An Relevanz hat der Stoff des US-Dramatikers aber nichts eingebüßt, im Gegenteil: Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung im beruflichen Umfeld sind damals wie heute an der Tagesordnung. Immerhin, aufgedeckte Skandale haben unter dem Schlagwort #Metoo in den letzten Jahren zu einer Sensibilisierung der Gesellschaft geführt. Es wird weniger weg- und mehr hingeschaut, so zumindest die Hoffnung. Betroffene erhalten Unterstützung durch beratende Stellen, um sich gegen Übergriffe von Vorgesetzten zu wehren.

In Mamets „Oleanna“, am Dienstag in der Regie von Florian Eisner als Premiere im Innsbrucker Kellertheater zu sehen, ähnelt die Hierarchie anfänglich einer schiefen Ebene. Uni-Dozent John (gespielt von Hans Danner) delektiert sich schnöselhaft, vom ganz hohen Ross herunter, an kruden Theorien über Bildung und Chancengleichheit. Er parliert hochgestochen, spricht von Paradigmen, wenn er Muster meint, und empfiehlt den Studierenden wärmstens sein eigenes Buch zur Lektüre. John steht kurz vor dem Karrieresprung: der Berufung zum Professor auf Lebenszeit.

Studentin Carol (Maria Astl) hat Johns Buch gelesen und sein Seminar hinter sich gebracht. Allein, bei der Abschlussarbeit hakt es. Der prospektive Professor, wegen eines Hauskaufs nicht wirklich bei der Sache, sagt der jungen Frau Unterstützung zu – für „ein paar weitere Besuche“ in seinem Büro.

Carol reagiert widerstrebend, Komplimente des Gegenübers („Ich mag Sie“) irritieren. Wie beiläufig berührt John die Studentin, er überschreitet Grenzen, ohne sich groß Gedanken zu machen.

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Die (Ab-)Rechnung erfolgt in schriftlicher Form: Carol legt der Uni eine Beschwerde vor, in der sie (angebliche? tatsächliche?) Verfehlungen Johns bis hin zur versuchten Vergewaltigung anprangert. Die Professorenstelle kann er sich abschminken.

Nun ist es Carol, die ihre Macht ausspielt. Sie schlägt dem Widersacher einen Deal vor, der diesen endgültig zur Weißglut treibt. Spätestens jetzt wird klar, warum die Bühne (Luis Graninger) einer Boxkampf-Arena ähnelt.

Die beiden Darsteller Maria Astl und Hans Danner setzen das Kräfteverhältnis, hier der scheinbar allmächtige, abgehobene Hochschullehrer, dort die eingeschüchterte, von Selbstzweifeln geplagte Studentin, glaubhaft und greifbar in Szene. Eskalation liegt stets in der Luft, es knistert wie elektrisch aufgeladen.

Es ist kein Theaterabend der befreiten Lacher, sondern einer, bei dem es sich lohnt, besonders gut zuzuhören und achtsam zu sein.


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