Hirschers Leidenschaft und Magie: Ein Weltcupski für Jedermann

Marcel Hirscher präsentierte am Mittwoch in Kaprun seine eigene Skimarke „Van Deer“. Ein Premium-Produkt, das am Kinderlift ebenso eine Heimat finden soll wie bereits nächsten Winter im alpinen Ski-Weltcup.

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Familiensache – Marcel und Bruder Leon treiben das Projekt voran, Vater Ferdinand mimt den „Supervisor“.
© gepa

Von Max Ischia

Kaprun – Es ist eine Karriere, die unter die Haut geht – und deren Kennzahlen auf dem linken Unterarm des Hauptdarstellers abzulesen sind: 67-12-8-7-2 ist dort auf der Haut von Marcel Hirscher eintätowiert. 67 Weltcupsiege – 12 kleine Kristallkugeln – 8 Gesamtweltcuptriumphe (in Serie) – 7 WM-Titel – 2 Olympia-Triumphe. Der Stoff, aus dem Träume gemacht waren. Und die DNA, mit der Van Deer den Siegeszug antreten will.

Van Deer ist der jüngste Coup von Marcel Hirscher. Eine eigene Skimarke, die mit einer Erstauflage von 1500 Paar startet und die gesamte Palette (Renn-, Pisten-, Touren-, Powder- und Kinderski; Anm.) abdeckt. Den Firmenstandort in Stuhlfelden im Pinzgau (Sbg.) teilt man sich mit den Branchenkollegen von Augment. Die Premiumprodukte kosten zwischen 700 und 1000 Euro. Vorgestellt wurde das Herzensprojekt gestern bei der Eröffnung des neuen Flagshipstores von Bründl Sports in Kaprun.

📽️ Video | Hirscher präsentierte eigene Skimarke

Und der Markenname? „Van“ heißt auf niederländisch „von“ und „deer“ auf Englisch „Hirsch“ – also „Van Deer“, oder wie Österreichs Ski-Ikone meinte: „Ich wollte keinen Marcel-Hirscher-Ski auf den Markt bringen.“

„Wir arbeiten im familiären Umfeld“, versicherte der 32-Jährige. „Wir sind eine kleine Crew“, großteils „junge Buben“, und die Hirscher-DNA „ist definitiv drinnen“. Sein Vater Ferdinand sei der „Supervisor“, mit im Team ist auch Marcel Hirschers Bruder Leon. Hirscher-Freund Dominic Tritscher fungiert als Geschäftsführer, Sebastian Höllwarth zeichnete für das reduzierte Design verantwortlich.

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In der näheren und mittleren Zukunft sei vieles möglich und vorstellbar, auf eines legte sich Hirscher gestern fest: „Dieser Ski wird Weltcuprennen gewinnen.“ Frei nach dem Firmenslogan: „When perfection becomes obsession magical things arise“ („Wenn Perfektionismus zur Obsession wird, entstehen magische Dinge“).

Im Anschluss an die Präsentation stand er den Medienvertretern Rede und Antwort.

Ein Firmenleitbild voller Perfektion und Magie ...

Marcel Hirscher: Als wir diesen Slogan kreiert haben, war Gänsehaut angesagt. Schon krass, weil es mein Athletenleben so brutal auf den Punkt bringt. Und mit dieser Leidenschaft, diesem Ehrgeiz, dieser Professionalität und letztlich auch Freude wollen wir nun unser Ski-Projekt voranbringen.

Wer ist ein möglicher Van-Deer-Fahrer?

Hirscher: Jeder, der eine Kurve zusammenbringt. Auch ein Anfänger, sagen wir ein leicht Fortgeschrittener fährt mit einem Ski, der auf seine Bedürfnisse, sein Können abgestimmt ist, besser, als wenn er ein Glumpert anhat. Nur ein Beispiel: Auch auf unserem Kinderski ist ein Weltcupbelag drauf. Ich will nicht, dass ein Kind auf einem Ziehweg zum Stehen kommt.

Und im Profibereich sind Sie nun auf die Scouting-Seite gewechselt?

Hirscher: Ich beobachte seit vergangenem Winter vielversprechende Talente. Entscheidend ist, dass sie Profis sind, also zumindest 18 Jahre – und dass sie gegebenenfalls meinen kompromisslosen Weg mitgehen wollen. Da wir schon in der Saison 22/23 den einen oder anderen mit unserem Material ausstatten wollen, werde ich mich relativ schnell festlegen, mit wem ich diesen ganz speziellen Weg gehen werde. Denn wir haben sicherlich keine Zeit zu verlieren.

Im Spitzen- wie im Breitensegment ist die Sicherheit im alpinen Skisport viel diskutiert. Inwieweit haben Sie auch in dieser Hinsicht Erfahrung und Know-how einfließen lassen?

Hirscher: Was gibt mehr Sicherheit, als ein Produkt, das spurstabil ist? Auf das du dich verlassen kannst. Ein Auto, das du auf Zug um die Kurve lenken kannst, ist sicher. Ein Auto, das einen Achter im Reifen hat, ist nicht sicher. Sicherheit, um wieder auf unsere Ski zu kommen, vermittelt primär ein stimmiges Set-up. Ich weiß nicht, wie viel wir herumgetüftelt haben, um dieses Set-up für jedermann zugänglich zu machen. Und das ist kein Marketing-Blabla. Ich war selten von etwas so überzeugt wie von diesem Produkt. Man wird den Unterschied spüren. Es steckt so viel Handarbeit drin, deshalb sprechen wir auch von einer Manufaktur.

Die Idee eines neuen Skis gab es ja schon zu aktiven Zeiten?

Hirscher: Das hat mich schon lange gereizt, aber während des Rennsports war kaum Platz dafür, das weiterzuspinnen. Nach dem Karriereende war recht schnell klar, dass es irgendwann in diese Richtung gehen wird. Mir geht es um meine Expertise, um meine Leidenschaft, um meine Erfahrung – das jetzt weiterzugeben, ist etwas sehr Erfüllendes.

Haben Sie nach der Karriere so etwas wie ein Loch, eine Sinnkrise erlebt?

Hirscher: Nein, dafür habe ich mir zu viele Sachen aufgespart. Beispielsweise das Skitourengehen. Dafür war früher einfach kein Platz. Mit einer Skitour war blöd gesagt die ganze Spritzigkeit, die du dir im Sommer aufgebaut hast, am nächsten Tag kaputt. Regenerationstage waren dazu da, um zu regenerieren und nicht zu performen. Auch wenn du ein Wehwehchen hast. Heute kuriere ich es einfach aus, früher hat ständig die Uhr getickt.

Wie hat sich Ihr Leben in der Öffentlichkeit verändert?

Hirscher: Bei der Gelegenheit möchte ich auf eine Frage zu meiner privaten Situation antworten: Leider funktioniert nicht immer alles so, wie man es geplant hat. Ich möchte mich wirklich bedanken bei der Laura (Ehefrau, das Paar lebt in Trennung; Anm.) für die 13 Jahre und zwei wundervolle Kinder. Jeder weiß, wie toll Kinder sind, es ist prinzipiell das größte Geschenk, das man haben kann. Und des Weiteren möchte mich bei allen bedanken, die meine Privatsphäre derart respektiert haben, und darum bitten, dass dies weiterhin so gehandhabt wird. Einige haben das nicht geschafft, aber die werden es niemals lernen.

Irgendwann seit Ihrem Rücktritt vor zwei Jahren an ein Comeback gedacht?

Hirscher: Nicht ein Mal. Mir wurde erst jetzt bewusst, wie lange ich eigentlich durchgehalten habe. Körperlich und geistig. Ich war schon weiter im Eck, als ich jemals geglaubt habe. Jetzt aber beginnt ein neues Abenteuer. Mich reizt es vollgas, wieder zwischen den Stangeln zu sein, diesen Prozess des Testens, Tüftelns, Entwickelns mitzuerleben, das auf die Spitze zu treiben. Fuck, das ist meine Leidenschaft, da komme ich nicht raus. Aber das ganze Drumherum. Nein, mein Leben ist so angenehm, seit ich aus dem ganzen Wahnsinn ausgestiegen bin.

Sie hatten zuvor gemeint, im Winter nach ihrem Karriereende mit aller Gewalt Abstand zum Skisport gesucht zu haben – kein Fernsehen, kein Internet, keine sozialen Medien. Warum dieser abrupte Bruch? Hatten Sie einfach genug?

Hirscher: Sagen wir es so: Ich wollte nicht mehr entsprechen, nicht mehr entsprechen müssen. Aufstehen, wann ich will. Schlafen gehen, wann ich will. Am Sonntag nicht um nullneunhundert zu performen und dies schon ein Dreivierteljahr im Vorhinein zu wissen. Es war ganz einfach die Zeit für mich gekommen. Und all das zu machen, für was früher zu wenig Zeit geblieben war. Und sich daran zu freuen, dass man sich selbst neu aufstellen darf. Denn wenn wir uns ehrlich sind: Wenn du einmal in diesem Radl drinnen bist, dann entscheidest du gar nichts mehr selbst.

Was haben Sie in dieser Zeit entdeckt?

Hirscher: Freude, viel mehr Freude. Es ist ganz einfach eine Wohltat, wenn nicht jeder Tag von morgens bis abends durchgetaktet ist. Auch fein, wenn du wieder gut schlafen kannst.

Wie geht es Ihrem Unterschenkel? (Hirscher hatte sich bei einer Offroad-Rallye einen Wadenbeinbruch zugezogen, wurde operiert und der Bruch mit einer Platte und sieben Schrauben fixiert)

Hirscher: Sehr gut, in einem Monat kommt die Platte heraus. Aber es geht ja bei mir um nichts mehr, ich spüre keinerlei Druck. Schaut: Ich kann stehen, ich bin frei, die Krücken sind weg, alles gut, auch wenn es mit Abstand meine schwerste Verletzung war. Jetzt freu’ ich mich auf den Winter – unheimlich sogar.


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