Medizin-Nobelpreis für Forschung zu Hitze- und Berührungsempfinden

Der Nobelpreis für Medizin markiert am Montag den Auftakt einer spannenden Nobelpreis-Woche. Er geht an David Julius und Ardem Patapoutian für ihre Forschung zu Hitze- und Berührungsempfinden. Im Vorfeld war debattiert worden, ob bereits die Forschung rund um mRNA-Impfstoffe geehrt werden würde.

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Patrik Ernfors (r.), erklärte die Verleihung an David Julius (Foto, l.) und Ardem Patapoutian.
© JONATHAN NACKSTRAND

Stockholm – Der US-Forscher David Julius und der im Libanon geborene Molekularbiologe Ardem Patapoutian erhalten den diesjährigen Medizin-Nobelpreis für ihre Entdeckungen der menschlichen Rezeptoren für Temperatur- und Berührungsempfinden. Das Wissen werde genutzt, um Behandlungen für eine Reihe von Krankheiten zu entwickeln, darunter chronische Schmerzen, teilte das Nobelpreiskomitee am Montag in Stockholm mit. Die Dotierung beträgt wie im Vorjahr zehn Millionen Kronen (985.000 Euro).

David Julius (r.), feiert seinen Nobelpreis mit Kollegen.
© NOAH BERGER

Die Preisträger hätten wichtige Verbindungen im Verständnis der komplexen Verbindungen zwischen unseren Sinnen und der Umwelt aufgezeigt, hieß es in der Begründung zu den Nobelpreisen. Die bahnbrechenden Entdeckungen durch die diesjährigen Nobelpreisträger "haben es uns ermöglicht zu verstehen, wie Wärme, Kälte und mechanische Kräfte die Nervenimpulse auslösen, die es uns ermöglichen, die Welt um uns herum wahrzunehmen und uns an sie anzupassen", hieß es vom Komitee.

Der 65 Jahre alte US-Amerikaner Julius nutzte Capsaicin, eine scharfe Verbindung aus Chilischoten, die ein brennendes Gefühl hervorruft, um einen Sensor in den Nervenenden der Haut zu identifizieren, der auf Hitze reagiert. Patapoutian, der 1967 im Libanon geboren wurde und wie Julius in Kalifornien forscht, entdeckte mithilfe druckempfindlicher Zellen eine neue Klasse von Sensoren, die auf mechanische Reize in der Haut und in inneren Organen reagieren.

Weitere Nobelpreise folgen in kommenden Tagen

Mit der Bekanntgabe eröffnete das Komitee die diesjährige Nobelpreis-Woche. Am Dienstag erfolgt die Verkündung des Preisträgers für Physik, die Tage darauf die Auszeichnungen für Chemie, Literatur und Frieden und am Montag kommende Woche jene für Wirtschaftswissenschaften. Im Vorjahr war der Nobelpreis für Medizin an Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) für ihre Beiträge zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus gegangen.

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Übergeben wird der Preis alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel. Die Nobelpreisträgerinnen und -träger werden ihre Auszeichnungen wegen der Coronavirus-Pandemie heuer erneut in ihren Heimatländern statt in Stockholm in Empfang nehmen. Die jeweiligen Preisübergaben in den wissenschaftlichen Kategorien sowie Literatur werden am 10. Dezember mit einer Preiszeremonie im Stockholmer Rathaus verwoben. Das norwegische Nobelkomitee hält sich noch die Möglichkeit offen, den Friedensnobelpreis wie üblich in Oslo zu verleihen.

Nobelpreis für mRNA-Impfstoff noch nicht heuer

Im Vorjahr war der Nobelpreis für Medizin an Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) für ihre Beiträge zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus gegangen. Heuer stellte sich die Frage, ob es schon an der Zeit war für eine Auszeichnung für die Forschenden hinter dem wissenschaftlichen Durchbruch der mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus. Die Jury entschied sich offenbar dagegen.

Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte es nicht verwinden, dass viele seiner Entdeckungen für den Krieg genutzt wurden. Daher vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die "im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben".

Nobel selbst hatte über 350 Patente angemeldet. Den Grundstock für die Stiftung legte Nobel in der Nähe von Hamburg. Dort baute er eine Fabrik für das bereits bekannte Nitroglycerin – die bald darauf explodierte. Danach erfand er einen Sprengstoff aus Nitroglycerin und Kieselgur, der unempfindlich für Erschütterungen war. Nobel gründete zahlreiche Dynamit-Fabriken weltweit.

Fast eine Million Euro

Die Nobelpreise werden seit 1901 vergeben. Die Dotierung beträgt 2021 ebenso wie im Vorjahr 10 Millionen Kronen (rund 980.000 Euro). Es gibt drei wissenschaftliche Preise für Neuerungen in der Medizin, Physik und der Chemie sowie die Auszeichnungen für Literatur und Friedensbemühungen. Der Friedensnobelpreis kann auch an Organisationen verliehen werden.

Neben den eigentlichen Nobelpreisen wird seit 1969 eine Ehrung für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel verliehen. Sie wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet. Überreicht werden alle Preise am 10. Dezember, dem Todestag von Nobel. Neben dem Preisgeld gibt es je eine goldene Medaille mit seinem Porträt. Sie wiegen in der Regel 175 Gramm. Nur die vom Wirtschaftspreis ist zehn Gramm schwerer.

Seit 1980 vergibt die schwedische Stiftung zur richtigen Lebensführung (Right Livelihood Foundation) ihre Preise, die Alternativen Nobelpreise. Deren Preisträger für 2021 wurden bereits am 29. September benannt. (TT.com, APA)

Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre

Der Medizin-Nobelpreis wird seit 1901 verliehen. Die erste Auszeichnung ging einst an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung der Serumtherapie gegen Diphtherie. Die Preisträger der vergangenen Jahre waren:

2020: Die Forscher Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) wurden für ihre Beiträge zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus ausgezeichnet. Dadurch kann Hepatitis-C in sehr vielen Fällen geheilt werden, laut Juroren wurden Millionen Leben gerettet.

2019: Die US-Zellforscher William Kaelin und Gregg Semenza und ihr britischer Kollege Peter Ratcliffe erhielten den begehrten Preis für ihre Entdeckungen zu der Frage, wie Zellen unterschiedliche Sauerstoffmengen messen und sich daran anpassen können.

2018: Der US-Forscher James Allison und der japanische Wissenschafter Tasuku Honjo teilen sich den Nobelpreis für Physiologie und Medizin in Anerkennung ihrer Entdeckungen über Immuncheckpoints, die zur modernen Immuntherapie gegen Krebserkrankungen führten.

2017: Die US-Forscher Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young für die Erforschung der biologischen "Inneren Uhr" von Organismen.

2016: Der Japaner Yoshinori Ohsumi, der das lebenswichtige Recycling-System für Proteine in Zellen entschlüsselt hat.

2015: Die Chinesin Youyou Tu, die den Malaria-Wirkstoff Artemisinin entdeckt hat. Sie teilte sich den Preis mit dem gebürtigen Iren William C. Campbell und dem Japaner Satoshi Omura, die an der Bekämpfung weiterer Parasiten gearbeitet hatten.

2014: Das norwegische Ehepaar May-Britt und Edvard Moser sowie John O'Keefe (USA/Großbritannien) für die Entdeckung grundlegender Strukturen des Orientierungssinns des Menschen.

2013: Thomas Südhof (gebürtig in Deutschland) sowie James Rothman (USA) und Randy Schekman (USA) für die Entdeckung von wesentlichen Transportmechanismen in Zellen.

2012: Der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den Embryonalzellen.

2011: Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich) für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada entdeckte Zellen, die das erworbene Immunsystem aktivieren. Er war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den Preis posthum.


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