Zeitzeugen-Gespräch mit Helmut Kutin: Für die Kinder der Welt

Helmut Kutin, Ehrenpräsident von SOS-Kinderdorf, zog im Zeitzeugen-Gespräch eine beeindruckende und berührende Bilanz über sein Leben im Dienste der Menschlichkeit.

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Zeitzeuge Helmut Kutin mit Interviewer Bernhard Aichner (l.), Bernhard Triendl (ORF), Altlandeshauptmann Herwig van Staa, Soziallandesrätin Gabi Fischer und TT-CR Mario Zenhäusern (hinten, v. r.).
© Böhm

Innsbruck – Berührend. Beeindruckend. Ein Leben voll Geschichten. Ein Leben, das so unglaubliche Wendungen genommen hat, dass man an eine erfundene Geschichte glauben möchte – und das doch Realität ist. Vor allem aber: ein Leben für die Kinder.

Helmut Kutin (Ehrenpräsident von SOS-Kinderdorf): „Wir müssen unser Herz behalten und dürfen nie ein Kind aufgeben. Auch wenn es noch so schwierig ist.“
© Böhm

Einen Tag nach seinem 80. Geburtstag stellte sich Helmut Kutin am Dienstagabend im Haus der Musik den Fragen von Starautor Bernhard Aichner. Den Geburtstag selbst hatte er in Bozen verbracht – zum ersten Mal nach 65 Jahren. Er hatte jene Stelle besucht, an der seine älteste Schwester zum ersten Opfer des Sexualmörders Guido Zingerle wurde. Für den damals noch nicht fünfjährigen Kutin war der Verlust seiner 15 Jahre älteren Schwester ein traumatisches Erlebnis, an dem letztlich die ganze Familie zerbrechen sollte. Kurz darauf starb auch die Mutter.

Als Halbwaise kam der damals 12-Jährige 1953 über Intervention zweier Cousinen und der Familie Swarovski „ausnahmsweise“ in das erste SOS-Kinderdorf nach Imst. „Hermann Gmeiner hat in den Akt geschrieben: Jetzt schauen wir uns das einmal ein halbes Jahr lang an. Wenn’s nicht funktioniert, schicken wir ihn wieder zurück“, erzählt Kutin in seiner unnachahmlichen Art, der stets eine Mischung aus Spitzzüngigkeit und Spitzbübigkeit innewohnt.

Aus dem Kinderdorfkind wurde der Adlatus von Gmeiner und später der Präsident von SOS-Kinderdorf International. Eine Karriere, ein Leben, das so voll mit außergewöhnlichen Geschichten ist, dass die Zuhörer nicht aus dem Staunen herauskamen. Etwa wenn Kutin wie selbstverständlich erzählt, dass ihm der verstorbene südafrikanische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela während eines Gesprächs ständig auf den Oberschenkel geklopft hatte. Oder ihn der Dalai Lama beim bislang letzten Treffen mit dem Hinweis auf das mittlerweile fortgeschrittene Alter der beiden begrüßt hatte.

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Wohl keine andere Station hat Kutin so geprägt wie die Jahre im kriegsgebeutelten Vietnam ab 1968. Als Kinderdorfvater von 500 Kriegswaisen erlebte er Bombenabwürfe genauso mit wie die Besetzung von Saigon durch den Vietcong. Als Kutin dann das Land als einer der letzten Ausländer verlassen musste, traf er eine weitere Lebensentscheidung. „Die Frauen aus dem Kinderdorf haben sich auf die Straße gelegt, damit wir nicht fahren. Aber wir mussten – auch zu ihrer Sicherheit. Damals habe ich einen Entschluss gefasst.“ Wenn sich die Kinderdorfmütter gegen eine eigene Familie und für das Dorf entschieden, dann würde er das auch so vorleben. „Dann habe ich mich gegen eine eigene Familie entschieden.“

250 Tage im Jahr saß Kutin im Flugzeug. Am Samstag soll es wieder nach Bangkok gehen. Seinen Nachfolgern will der 80-Jährige nicht „dreinreden“. Er forderte neben der notwendigen Professionalität in der Betreuung aber eines ein: „Wir müssen unser Herz behalten. Wir dürfen nie ein Kind aufgeben. Auch wenn es noch so schwierig ist. Nur wenn man als Kind geliebt wird, dann kann man auch als Erwachsener Liebe geben.“ Den Applaus der Zuhörer für dieses Leben am Ende der Veranstaltung reichte Kutin symbolisch an die Kinderdorfkinder weiter. Auszüge des Zeitzeugen-Gesprächs sind am 17. Oktober ab 20.04 Uhr in Radio Tirol zu hören. (mw)


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