„Salonfähig“ von Elias Hirschl: Nicht alle schmucken Tassen im Schrank

Im Roman „Salonfähig“ lässt Elias Hirschl einen Möchtegernkarrieristen aus scharf geschnittener Kanzlerbegeisterung den Verstand verlieren.

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Elias Hirschl, Jahrgang 1994, wurde 2020 mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet. Heute Abend liest er in Innsbruck.
© Hilzensauer/Zsolnay

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Mit seinem vierten Roman „Salonfähig“ hat der 27-jährige Wiener Autor Elias Hirschl einen Nerv getroffen. So viel steht fest. Beinahe jedes gewichtige Medium hat darüber berichtet. Nicht nur in Österreich, auch in Deutschland erschienen Rezensionen, Portraits – und eine Handvoll mitunter etwas seltsame Texte, die das Buch als Vorwand für Überlegungen zum Status quo nahmen. So viel Aufmerksamkeit ist begrüßenswert. Zumal man Hirschl, der als Slampoet bekannt wurde, spätestens seit seinem ziemlich großartigen Debütroman „Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt“ nichts anderes als größtmögliche Leserschaft wünscht.

Der Grund für den überregionalen Popularitätsschub spielt in „Salonfähig“ nicht einmal eine Nebenrolle, sondern ist das Resultat einer fraglos fruchtbaren Fehllektüre. Nein, „Salonfähig“ ist kein notdürftig verschlüsseltes Schlüsselstück über Sebastian Kurz. Selbst wenn es einige kaum abstreitbare Ähnlichkeiten zwischen Julius Varga, der sich als Schwiegermütter umschmeichelnder Endzwanziger in „Salonfähig“ zunächst zum Chef einer etwas maroden Mitte-Partei und dann zum Kanzler wählen lässt, und Kurz gibt. Aber um diesen Varga geht es in „Salonfähig“ nicht. Hirschl interessiert sich vielmehr für das Fußvolk einer Bewegung, die ins Laufen kommt. Der Ich-Erzähler ist ein Parteihinterbänkler, der nach vorne will, der Stellvertreter des Stellvertreters eines stellvertretenden Bezirksvorstandes, der Sekretär des Sekretärs. Er himmelt Varga an, verehrt ihn abgöttisch, eifert ihm nach, verinnerlicht dessen Phrasen, käut seine Parolen wieder, dient sich an – und gießt Vargas Zimmerpflanzen, mit dem irrwitzigen Ernst eines nordkoreanischen Staatsaktes. Kurzum: Der Ich-Erzähler hat zwar einige besonders schmucke, aber nie und nimmer alle (Espresso-)Tassen im Schrank. Auch Varga übrigens nimmt den Möchtegern-Machtmenschen nicht ernst. Durchoptimierte Politikerdarsteller haben kein Herz für die durchgeknallten Statisten. Was deren Verbissenheit bis ins Blutrünstige befeuern kann. Ein gutes Ende jedenfalls, daran lässt Elias Hirschl keinen Zweifel, wird das alles nicht nehmen, weder für den Ich-Erzähler noch für Varga – und auch nicht für das Land. Ob es tatsächlich so grausig wird, wie der Erzähler behauptet, bleibt aber fraglich. Was die Sache nicht weniger beunruhigend macht.

In „Salonfähig“ führt Elias Hirschl die derzeit nicht nur, aber gerade in Österreich gängige Politinszenierung vor, die Image-Kampagnen mit scharf geschnittenen Anzügen, das Grindige, Gefühlsduselige und möglicherweise justiziable Geklüngel – das dieser Tage einmal mehr für Schlagzeilen sorgt. Er seziert einen ganz bestimmten Typus von Politiker, smart, wortgewandt, kontrolliert in Aussage und Auftreten, groß in den Gesten, gelenkig in Fragen von Moral.

Vor allem aber zerlegt er ein Ich, das gerne groß und geschmeidig wäre, sich in gutem Tuch und gut geübten Posen gefällt, gern ruchlos und ohne Rücksicht wäre – und dem es trotzdem nicht gelingen will, davon abzulenken, dass es wenig mehr als ein armes Würstchen ist.

„Salonfähig“ ist nur auf den ersten Blick eine Polit-Satire. Auf den zweiten ist es vielleicht eine Groteske über den Politikbetrieb, der bereits Satire seiner selbst ist. Spätestens beim dritten Blick entpuppt sich „Salonfähig“ als Tragödie. Vielleicht sogar als eine der tollsten Tragödien des Jahres. Heute präsentiert Elias Hirschl sie im Innsbrucker Literaturhaus am Inn. Freie Plätze gibt es dafür leider nicht mehr.

Roman Elias Hirschl: Salonfähig. Zsolnay, 253 Seiten, 22,70 Euro.


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