Tansanischer Autor Abdulrazak Gurnah erhält Literaturnobelpreis

Der 73-Jährige hat bisher zehn Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Zu schreiben begann er als 21-Jähriger im englischen Exil.

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Mats Malm, der Ständige Sekretär der Akademie, gab den Namen des Preisträgers bekannt.
© AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Stockholm – Der tansanische Autor Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 in Sansibar) erhält überraschend den Literaturnobelpreis 2021. Diese Entscheidung gab die Schwedische Akademie heute, Donnerstag, in Stockholm bekannt. Er erhält die Auszeichnung "für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten".

Seit seinem 1987 erschienenen Debüt "Memory of Departure" hat Gurnah zehn Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Als 21-Jähriger begann der Exilant mit dem Schreiben. Obwohl Swahili seine Muttersprache ist, publiziert er auf Englisch. Seine Bücher - von "Pilgrims Way" ("Schwarz auf weiß") (1988) über "Paradise" ("Das verlorene Paradies") (1994) bis zu seinem jüngsten Werk "Afterlives" (2020) - streifen immer wieder die Themen Flucht und Kolonialismus.

Gurnah musste die Insel Sansibar als 18-Jähriger verlassen. Nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft wurden in seiner Heimat Bürger arabischer Herkunft, zu denen Gurnah zählt, unterdrückt und verfolgt. Seit 1968 lebt der Autor in England.

"Afterlives" von Abdulrazak Gurnah erschien 2020. Seine letzten Bücher wurden bis dato nicht ins Deutsche übersetzt.
© TOLGA AKMEN

"Einfach wunderbar": Gurnah dankbar

Abdulrazak Gurnah zeigte sich am Donnerstag begeistert über die Zuerkennung des Literaturnobelpreises. Es sei einfach wunderbar, den Preis zu erhalten, er fühle sich geehrt, eine Auszeichnung zu erhalten, die an so viele anerkannter Schriftsteller verliehen wurde. "Ich denke es ist einfach brillant und wunderbar", so Gurnah gegenüber Reuters.

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"Ich bin der Schwedischen Akademie sehr dankbar, mich und mein Werk zu nominieren", erklärte der Schriftsteller. Er sei immer noch dabei, die Information zu verarbeiten. "Es war so eine komplette Überraschung, dass ich darauf warten musste, bis es verkündet wurde, um es wirklich zu glauben." Danach gefragt, ob er nun Champagner trinke oder vor Freude tanze, habe er nur lachend "Nein" gesagt.

Auf Deutsch erschienene Werke von Abdulrazak Gurnah

  • "Die Abtrünnigen" ("Desertion"), Berlin Verlag 2006
  • "Schwarz auf Weiß" ("Pilgrims way"), A1 Verlag 2004
  • "Ferne Gestade" ("By the sea"), Edition Kappa 2002
  • "Donnernde Stille" ("Admiring silence") Edition Kappa 2000
  • "Das verlorene Paradies" ("Paradise") Fischer Taschenbuch 1998

Mit Schreiben und Kolonialismus beschäftigte sich Gurnah auch als Literaturprofessor an der Universität von Kent in Canterbury. Er forschte u.a. zu Salman Rushdie, V.S. Naipaul, Anthony Burgess und Joseph Conrad. Rund um die Jahrtausendwende war der frisch gebackene Literaturnobelpreisträger auch zwei Mal in Österreich. 1999 nahm er am Symposium "Afrika Diaspora, Literatur und Migration" teil, 2001 las er auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in der Reihe "Grenzgänger zwischen den Kulturen" aus seinen Romanen "Donnernde Stille" ("Admiring silence") und "Ferne Gestade" ("By the sea").

Nach Sansibar selbst konnte Gurnah erstmals erst wieder 1984 zurückkehren. Das ermöglichte ihm, seinen Vater kurz vor dessen Tod noch einmal zu sehen.

📽️ Video | Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers

Österreichischer Übersetzer "fast wahnsinnig" vor Freude

"Ich bin fast wahnsinnig geworden, als ich das gehört habe", freut sich der Wiener Schriftsteller und Übersetzer Helmuth A. Niederle über die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an Abdulrazak Gurnah. Niederle hat dessen Roman "Die donnernde Stille" übersetzt und ihn 1999 zu einem Symposium nach Wien eingeladen.

Dort habe Gurnah in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur einen Vortrag mit dem Titel "Literatur: eine durchwachsene Geschichte" über den "Grenzbereich zwischen Oratur und Literatur" gehalten, wie sich Niederle im APA-Telefonat erinnert. "Wir Weißen neigen ja dazu, nur Verschriftlichtes 'Literatur' zu nennen. Dieser Sichtweise ist Gurnah entschieden entgegengetreten. Seine Großmutter hatte ihm Shakespeare-Texte als Geschichten erzählt, erst später hat er sie als Literatur begriffen", so Niederle.

In einem Essay des Autors heiße es: "Es ist mir auch wichtig, dass Fiktion anlocken und blenden und Freude und Schmerz geben kann und dass sie nach Wahrheit streben sollte." Es gehe Gurnah in seinen Texten in punkto Kolonialismus "um ein fein ziseliertes Bild wie sich die Menschen begegnet sind und einander erlebt haben". Er arbeite auch die Identifikation von Schwarzen - etwa in Filmen - heraus oder lasse seine Protagonisten Beziehungen zu Weißen eingehen, "die laut ihm glauben, sie müssen intensive Beziehungen zu einem Afrikaner eingehen, um irgendetwas gut zu machen", analysiert Niederle.

Dass Gurnahs Bücher seit einigen Jahren nicht mehr ins Deutsche übersetzt wurden, bedauert Niederle. Als Grund sei ihm aus der Verlagswelt vermittelt worden: "Es gibt eben Namen, die im deutschen Sprachraum nicht funktionieren." (APA)

Wissenschaftliche Nobelpreise bereits bekanntgegeben

Bereits in der ersten Wochenhälfte waren in Stockholm die diesjährigen Preisträger in den wissenschaftlichen Kategorien Medizin, Physik und Chemie verkündet worden. Unter ihnen waren mit dem Meteorologen Klaus Hasselmann und dem Chemiker Benjamin List auch zwei Deutsche. Insgesamt wurden in den drei bisherigen Kategorien sieben Preisträger benannt - Frauen waren bislang nicht dabei.

Die wissenschaftlichen Nobelpreise werden häufig an zwei oder drei Preisträgerinnen und Preisträger auf einmal vergeben, die zum Beispiel gemeinsam zum selben Themenfeld geforscht haben. Der Literaturnobelpreis zeichnet dagegen pro Jahr in der Regel nur eine herausragende literarische Persönlichkeit aus.

Nach der Kategorie Literatur folgt am Freitag die Bekanntgabe des diesjährigen Friedensnobelpreisträgers, der als einziger in der norwegischen Hauptstadt Oslo gekürt wird. Zurück in Stockholm werden dann zum Abschluss die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften verkündet – diese Kategorie ist die einzige, die nicht auf das Testament von Preisstifter und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (1833-1896) zurückgeht.

Alle Nobelpreise sind wie im Vorjahr mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 980 000 Euro) pro Kategorie dotiert. Verliehen werden die Auszeichnungen traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Nobels. (APA/Reuters, dpa, TT.com)


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