Der „Anderl“ feiert seinen Neunziger

Hahnenkamm-Jahrhundert-Champion, blonder Blitz, zufriedener Jubilar. Gestatten: Anderl Molterer.

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2017 schnallte sich Anderl Molterer beim legendären Charity Race in Kitzbühel letztmalig seine geliebten Ski an.
© gepa

Nashville, Kitzbühel – So schneidig er auf seinen Holzlatten auch die Hänge runterzischte: Lange Zeit hatte es im Leben des Andreas Molterer nicht nach einer Rennläuferkarriere ausgesehen. Der nach dem Kriegstod seines Vaters 1943 als Halbwaise aufgewachsene Blondschopf musste erst einmal am elterlichen Hof anpacken, schloss später die Zimmermannslehre ab – um schließlich doch sein Rennfahrerglück zu versuchen. Da war er 18. Und der „Anderl“, wie er allseits gerufen wurde, startete auf Anhieb durch und fuhr in den Fünfzigern auf der Streif und am Ganslernhang bis heute unerreichte neun Erfolge ein – folgerichtig wurde er im Jahre 2000 nicht ganz unerwartet zum Hahnenkamm-Jahrhundert-Champion gewählt. Heute feiert der „blonde Blitz aus Kitz“ in seiner Wahlheimat USA seinen 90. Geburtstag.

Preisgeld oder Sachpreise hätte es damals nicht gegeben. „Nur einen Schulterklopfer, sonst nix“, versicherte der Jubilar. Es seien eben ganz andere Zeiten gewesen. Zeiten, in denen die Athleten noch selbst Hand bei ihren Holzski anlegten – und bei Auswärtsreisen mit geschulterten Ski und einem Koffer in der Hand Richtung Bahnhof stapften.

Strapazen, die sich zumindest sportlich mehr als nur auszahlten. Über 50 FIS-Rennen – vergleichbar mit dem Weltcup von heute – gingen auf das Konto des Leichtgewichts. Es war die Zeit des legendären Wunderteams – Toni Sailer, Ernst Hinterseer, Hias Leitner, Fritz Huber, Christian Pravda und eben Molterer räumten im ganz großen Stil ab. Insgesamt eroberte dieses Ausnahme-Sextett 27 Medaillen bei Großereignissen. Molterer selbst gewann nicht nur am Hahnenkamm zwei Abfahrten, drei Slaloms und vier Kombinationen, sondern 1954 und 1956 auch noch zwei Olympia- und drei WM-Medaillen. Nur Gold blieb dem risikofreudigen Edeltechniker versagt. Dafür wurde er später, nach seiner Auswanderung in die USA, viermal Profiweltmeister.

Über Aspen und Florida kam der Jubilar dereinst nach Nashville, wo er bis heute mit seiner Lebensgefährtin Kay lebt. Und immer noch fit ist für die eine oder andere Golfrunde. Am liebsten sind ihm aber die entspannenden Spaziergänge mit Hund Max.

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Den Ski-Weltcup verfolgt er nur am Rande. Manchmal, aber nur manchmal, wie er bei seinem letzten Kitzbühel-Besuch im Jänner 2020 im TT-Gespräch erzählte, gebe es einen „little Ausschnitt“ in der Zeitung oder einen kurzen Beitrag im Fernsehen, mehr nicht. Dass wenige Monate zuvor Österreichs Ski-Held Marcel Hirscher seine Rennlatten für immer ins Kellereck verbannt hatte, wusste Molterer nicht und hielt damals vielsagend fest: „Den Hirscher kennt bei uns keiner.“

Wenn es die Corona-Verordnungen zulassen, möchte er im kommenden Jänner beim 82. Hahnenkamm-Rennen als Zaun- und Ehrengast mit von der Partie sein. In „meiner Heimat“, wie er immer wieder versichert. Dann wartet auf ihn unter anderem auch die 45-minütige Film-Dokumentation „Mythos Kitzbühel – Das Wunderteam.“ (m.i., APA)


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