Internationale Presse: „Rücktritt sieht anders aus“, „Märchen Kurz zu Ende"

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Der Rücktritt von Sebastian Kurz beschäftigt auch international die Zeitungskommentatoren.
© Martin Juen via www.imago-images.de

Zürich – Am Sonntag kommentierten international Zeitungen die Regierungskrise in Österreich und den Rücktritt von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP):

„Neue Zürcher Zeitung am Sonntag“:

„Es war die Entscheidung, die eigentlich am naheliegendsten war und Sebastian Kurz doch besonders undenkbar erschien: ein Rücktritt als Kanzler nach den so schwerwiegenden Vorwürfen der Staatsanwaltschaft gegen ihn und seine engsten Mitarbeiter. (...)

Der junge Kanzler wollte das erst nicht einsehen. Drei Tage hat er gebraucht für den Sinneswandel. So lange lagen die polizeilichen Durchsuchungen des Kanzleramts und des Parteisitzes seiner ÖVP zurück. Aber Kurz, der Shootingstar der Bürgerlichen in Europa, hat sich am Ende zu diesem Schritt durchgerungen: Staatsräson über Parteiräson, das Wohl des Landes über den eigenen Ehrgeiz und den Willen zur Machtausübung. Kurz hat staatsmännische Reife bewiesen. Gerne hätte man sie auch vorher gesehen, während der zehn Jahre, in denen Kurz hohe Regierungsämter bekleidet hat. Dass er sich nun als Märtyrer stilisiert und an ein Comeback glaubt, schmälert die Größe der Entscheidung zum Rücktritt nicht.“

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„Die Welt“ (Berlin):

„Im Nationalrat wird in Paragrafen gegossen, was auf Regierungsbänken beschlossen wird. Ein Clubchef ist der Rammbock einer Partei. Ein Rücktritt sieht anders aus. Vor allem, wenn ein zwar durchaus charmanter und schlauer Karrierediplomat das Amt übernehmen soll, dieser allerdings keinerlei politisches Profil und einem Hang zum Ablesen ihm vorgelegter Positionen hat.

Und so ist das, was Kurz am Samstagabend zur besten Sendezeit direkt in die Wohnzimmer der Österreicher sprach, nicht mehr als ein Manöver. Eines, das Druck von ihm selbst nimmt und ihn angesichts einer drohenden Lawine an Korruptions-Anklagen vor allem in die parlamentarische Immunität rettet.

Was da nicht ist, ist Einsicht. Kurz hat eben nicht die Konsequenzen aus dem gezogen, was ihm vorgeworfen wird. Er hat durchwegs die Position weiter getragen, dass er im Zentrum einer Intrige stehe. Er hat sich aus der Schusslinie gerettet, nicht mehr und nicht weniger. Die Koalition kann damit weiter bestehen. Mit Kurz als Schattenkanzler.“

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Das Märchen Sebastian Kurz ́, dem Wunderkind der Politik, der Wien verzaubert hat, ist zu Ende. Der Prinz mit dem Porzellangesicht, der aus dem Nichts gekommen ist und eine ehrwürdige Partei wie die ÖVP zu einem zahmen Instrument seines politischen Aufstiegs gemacht hat, hatte einem satten, reichen und verschlafenen Land den Nervenkitzel des Wandels und einer neuen politischen Grenze angeboten".

"La Repubblica" (Rom):

"Kurz muss kapitulieren. Korruption versenkt Europas jüngsten Premierminister. Der Kanzler steht im Mittelpunkt eines ausgedehnten Skandals wie ein schwarzer Sonnenkönig. (...) Die Justiz ermittelt wegen Begünstigung und Korruption auch der Kreis von Kurz ́ engsten Mitarbeitern".

"Il Messaggero" (Rom):

"Wer glaubt, dass die Karriere des jungen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz hier endet, der irrt sich gewaltig: Der Rücktritt könnte nur ein Schritt zur Seite sein. Kurz hat nämlich schon einmal die Macht zurückerobert, nachdem er wegen des Sturzes seines damaligen rechtsextremen Verbündeten Heinz Christan Strache kurzzeitig das Kanzleramt verlassen hatte. Der 35-Jährige verlässt auch diesmal die Politik nicht: Er bleibt Fraktionsvorsitzender und Vorsitzender der ÖVP, zwei wichtige Funktionen, mit denen er die politische Agenda weiterhin auf entscheidende Weise beeinflussen wird". (APA/dpa)


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