Merkel nimmt in Israel Abschied: Absage an Neutralität

Angela Merkel ist ein letztes Mal als deutsche Bundeskanzlerin zu Gast in Israel. Drei Tage ist sie dort und nimmt sogar an einer Sitzung des Kabinetts teil. Dabei richtet sie auch einen Wunsch an ihren Nachfolger aus.

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Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel mit Israels Premier Naftali Bennett.
© imago/Kahana

Von Daniella Chelsow und Isabelle Daniel/AFP

Jerusalem, Berlin – Für ihren Abschiedsbesuch in Israel nimmt sich Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel Zeit. Drei Tage hält sich die scheidende Kanzlerin in dem Land auf; am Sonntag nahm sie als erste deutsche Regierungschefin an einer Sitzung des israelischen Kabinetts teil. Von einem "sehr berührenden Ereignis" spricht Merkel - und macht deutlich, dass sie sich von ihrem Nachfolger eine Fortsetzung ihrer Nahost-Politik wünscht.

Doch in Israel befürchten viele eine Entfremdung zu Deutschland.

Merkel ist in Israel ein gerngesehener Gast, seit sie in ihrer historischen Rede vor der Knesset 2008 die Sicherheit Israels zur "deutschen Staatsräson" erklärte. Am Sonntag erneuert sie dieses Bekenntnis. Deutschland sei "nicht neutral", wenn es um die Fragen der israelischen Sicherheit gehe, unterstreicht die Kanzlerin. "Die Sicherheit Israels ist Teil unserer Staatsräson." Dies gelte auch, wenn beide Länder "in verschiedenen Einzelfragen" unterschiedlicher Meinung seien.

Verhältnis zu Ex-Premier Netanyahu war belastet

Unterschiedliche Meinungen waren in den vergangenen Jahren kennzeichnend für die deutsch-israelischen Beziehungen. Das persönliche Verhältnis zwischen Merkel und ihrem langjährigen israelischen Kollegen Benjamin Netanyahu war "berüchtigt schlecht", wie die israelische Zeitung Haaretz feststellt. Nicht nur mit Blick auf die israelische Siedlungspolitik und den auf Eis liegenden Nahost-Friedensprozess lagen Merkel und Netanyahu über Kreuz, auch über den Umgang mit dem Iran wurde in den vergangenen Jahren offen gestritten.

Auch mit Netanyahus Nachfolger Naftali Bennett verbinden Merkel wenige inhaltliche Gemeinsamkeiten. Der religiös-nationalistische Politiker steht der Siedlerbewegung nahe, gilt als Gegner einer Zwei-Staaten-Lösung und lehnt das von Deutschland unterstützte Atomabkommen mit dem Iran ab.

Trotzdem ist der Ton zwischen Merkel und Bennett bei der gemeinsamen Pressekonferenz am Sonntag freundschaftlich. Bennett lobt Merkels Unterstützung für Israel und würdigt die Kanzlerin als "moralischen Kompass" für ganz Europa. Merkel ihrerseits richtet sich in ungewohnt persönlichen Worten an das in seiner ideologischen Breite beispiellose israelische Kabinett, dessen Mitgliedern sie mit Blick auf die "eigene langjährige Regierungserfahrung" rät, bei Differenzen das persönliche Gespräch zu suchen.

Neue Phase für deutsch-israelische Beziehungen

Mit dem Ende von Merkels Kanzlerschaft beginnt in den deutsch-israelischen Beziehungen eine neue Phase an. Sie sei "optimistisch", dass auch in Zukunft "jede deutsche Bundesregierung sich der Sicherheit Israels verpflichtet fühlt", reagiert Merkel am Sonntag auf die Frage eines israelischen Journalisten nach der künftigen Ausrichtung deutscher Außenpolitik. Dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern heute so eng seien, bezeichnet sie vor dem Hintergrund der Shoah ein "Glücksfall".

Doch Merkel hebt auch die Herausforderungen hervor, die sich durch den wachsenden zeitlichen Abstand zum Holocaust ergeben. "Wir müssen die Verantwortung für die Geschichte immer wachhalten, auch wenn es irgendwann keine Zeitzeugen mehr geben wird", mahnt die Kanzlerin.

Dass bereits ein "langsamer Wandel" der deutschen Erinnerungspolitik stattfinde, konstatiert die Israel-Expertin Jenny Hestermann von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Dies habe Folgen für die deutsch-israelischen Beziehungen. Die Position, "dass Deutschland eine breite historische Verantwortung auch jenseits der deutsch-jüdischen Beziehungen" habe, sei in den vergangenen Jahren gestärkt worden, sagt Hestermann der Nachrichtenagentur AFP. Auch die "Aufmerksamkeit für das palästinensische Anliegen" habe zugenommen.

Wie sehr braucht Israel Deutschland noch?

Zugleich sei es für Deutschland immer schwieriger geworden, die "Solidarität mit Israel mit anderen europäischen Partnern zusammenzudenken", die mit Blick auf die israelische Besatzungspolitik zu einem deutlich konfrontativeren Kurs bereit seien als Berlin. Hinzu kämen Veränderungen in der israelischen Außenpolitik – etwa die Normalisierung der Beziehungen zu den Golfstaaten. "Es könnte sein, dass Israel Deutschland nicht mehr in demselben Maße braucht wie früher", sagt Hestermann.

Dennoch sei die Hoffnung in Israel groß, dass die nächste Bundesregierung Merkels Israel-Politik fortsetze. "Die CDU war immer die Partei, die sich am stärksten für Israel eingesetzt hat." Merkels Abschied und die Tatsache, dass die CDU an der künftigen Bundesregierung wahrscheinlich nicht beteiligt sein werde, löse deshalb auch Sorgen in Israel aus. "Deutschland ist der einzige wirklich starke und solidarische Partner, den Israel in Europa hat", sagt Hestermann.


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