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Karim El-Gawhary im Interview: Arabische Welt zwischen Aufbruch und Rückschlag

Die Tiroler Tageszeitung sprach mit dem Nahost-Experten und ORF-Korrespondenten Karim El-Gawhary über die Arabische Revolution, die Konterrevolution der alten Garde, zerplatzte Träume und die Risse im System.

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Nahost-Experte und ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary.
© GEORG HOCHMUTH

Was wurde aus dem Arabischen Frühling? Wo steht die arabische Welt rund elf Jahre nach den Aufständen in Tunesien und Ägypten? Der Ruf nach Freiheit scheint längst verhallt, die Hoffnung auf eine selbstbestimmte Geschichte jenseits der Herrschaft von Autokraten wieder begraben.

Karim El-Gawhary: Es gibt viele, die sagen, der Arabische Frühling ist zum Arabischen Winter geworden. Ich habe da eine ganz andere Sichtweise. Ich sehe die Ereignisse als Prozess, der schon vor 2011 losgestoßen wurde und Ende 2010 und 2011 mit den Protesten zuerst in Tunesien und dann in Ägypten vorerst seinen Höhepunkt erreicht hat. Wir haben dann erlebt, dass die Autokraten vor allem mit Hilfe der Golfstaaten das Rad wieder zurückgedreht haben. Es ist ihnen aber trotzdem nicht gelungen, überall den Deckel draufzuhalten.

2019 begannen Aufstände in Staaten, in denen es keinen Arabischen Frühling gab. In Algerien wurde der mittlerweile verstorbene Bouteflika gestürzt, im Sudan Langzeitmachthaber Omar Al-Bashir. Es kam zu großen Protestbewegungen im Irak und im Libanon, welche durch die Corona-Pandemie freilich ausgebremst wurden.

Das Feuer der Rebellion in der arabischen Welt ist also noch nicht erloschen?


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