„Du bist nicht gewöhnlich“: Friedenspreis für Autorin Dangarembga

Sie wird für die Stimmlosen laut und kämpft für Gerechtigkeit – ob in der Literatur, im Film oder als Aktivistin auf der Straße. Nun wird Tsitsi Dangarembga mit dem Friedenspreis geehrt. Die 62-Jährige ist gerührt und ruft zum Paradigmenwechsel auf.

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Die Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden.
© THOMAS LOHNES

Von Jenny Tobien, dpa

Frankfurt am Main – „Wenn ihr wollt, dass euer Leiden aufhört, müsst ihr handeln“, hat Tsitsi Dangarembga einmal gesagt. Und die Frau, die vor über 60 Jahren im damaligen Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, geboren wurde, hat gehandelt. Sie nutzt ihre Kreativität und ihre vielfältigen Talente, um sich in ihren Büchern, in ihren Filmen, aber auch auf der Straße für Gerechtigkeit einzusetzen und Missstände anzuprangern. Dafür, aber auch für ihr einzigartiges Erzählen, ihren universellen Blick, wurde sie am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Mit ihrer Arbeit sei sie gegen alle Widerstände laut geworden und habe für die Stimmlosen und für die Meinungsfreiheit in Simbabwe gekämpft, sagt die kenianische Germanistin und Soziologin Auma Obama (61). Die Halbschwester des früheren US-Präsidenten Barack Obama hält in der Frankfurter Paulskirche eine sehr persönliche Laudatio auf ihre langjährige Freundin – beide Frauen hatten in den 1990er Jahren in Deutschland studiert. Sie würdigt zudem deren Mut und Durchsetzungskraft: „Bestimmt hättest du manchmal am liebsten aufgegeben, Tsitsi, und der Versuchung nachgegeben, einfach ein normales, gewöhnliches Leben zu führen (...) Aber du bist nicht gewöhnlich.“

Dramatische Auswirkungen des Kolonialismus

Tsitsi Dangarembga, die von ihrem deutschen Mann und den drei Kindern nach Frankfurt begleitet wurde, zeigt sich gerührt. In ihrer Dankesrede beschreibt die 62-Jährige die Eroberung ihrer Heimat Simbabwe durch britische Siedler, die brutale Unterdrückung und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung. Auch nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung von Großbritannien durch britische Siedler 1965 seien neue Formen ethnisch determinierter Gewalt angewandt worden, so etwa die Zwangssterilisation schwarzer Frauen. „Simbabwe war schon immer ein gewalttätiger und repressiver Staat“, sagt sie. Und: Das Land bilde keine Ausnahme. „Der größere Teil der Welt hat die facettenreiche Gewalt des westlichen Imperiums erlitten.“

Dangarembga zufolge hat der Kolonialismus dramatische Auswirkungen und ist bis heute für Leid verantwortlich – in beiden Teilen der Erde. Es sei nicht überraschend, „dass Gewalt – physische, psychologische, politische, ökonomische, metaphysische und genozidale – zu oft in postkolonialen Ländern an der Tagesordnung ist.“ Sie wurzele in den Strukturen des westlichen Imperiums.

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Zudem habe der Imperialismus prekäre Strukturen geschaffen, so dass viele Menschen in den Westen migrierten. „Das gefällt den Bürgern imperialer Staaten nicht, und sie üben auf mehrfache Weise Gewalt aus.“ Des weiteren sei bekannt, „dass Gewalt weitere Gewalt erzeugt, und das sehen wir heute auf der ganzen Welt.“

Friedenspreis: die Preisträger der vergangenen Jahre

  • 2021 Tsitsi Dangarembga (Autorin und Filmemacherin aus Simbabwe)
  • 2020 Amartya Sen (indischer Wirtschaftswissenschaftler)
  • 2019 Sebastião Salgado (Fotograf aus Brasilien)
  • 2018 Aleida und Jan Assmann (deutsche Kulturwissenschaftler)
  • 2017 Margaret Atwood (kanadische Schriftstellerin)
  • 2016 Carolin Emcke (deutsche Publizistin)
  • 2015 Navid Kermani (deutscher Schriftsteller und Orientalist)
  • 2014 Jaron Lanier (US-Digitalpionier und Schriftsteller)
  • 2013 Swetlana Alexijewitsch (weißrussische Schriftstellerin)
  • 2012 Liao Yiwu (Schriftsteller aus China)

In der Frankfurter Paulskirche wird Dangarembga von den rund 400 Gästen mit viel Applaus gefeiert. Dabei kannte bis vor kurzem hierzulande wohl kaum einer die 62-Jährige. Bereits 1988 erschien „Nervous Conditions“, der erste Teil ihrer Romantrilogie – die deutsche Übersetzung („Aufbrechen“) kam aber erst 2019 auf den Markt. Und auch erst 30 Jahre nach Veröffentlichung setzte der britische Fernsehsender BBC den Titel auf die Liste der 100 Bücher, die die Welt verändert haben. In der Trilogie beschreibt Dangarembga am Beispiel einer heranwachsenden Frau den Kampf um das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und weibliche Selbstbestimmung in Simbabwe.

„Dabei zeigt sie soziale und moralische Konflikte auf, die weit über den regionalen Bezug hinausgehen und Resonanzräume für globale Gerechtigkeitsfragen eröffnen“, erklärte der Stiftungsrat des Friedenspreises. Anfang der 1990er Jahre kam sie dann nach Berlin, um Filmregie zu studieren, und gründete in Harare eine Filmproduktionsfirma. 2000 kehrte sie endgültig nach Afrika zurück.

Tradition und Moderne und die damit verbundenen Probleme

In ihren Filmen thematisiert Dangarembga Probleme, die durch das Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne entstehen. Begleitet wird ihr künstlerisches Schaffen vom Engagement, die Kultur in Simbabwe zu fördern – und insbesondere für Frauen zu öffnen. Gleichzeitig kämpft sie für Freiheitsrechte. Nachdem sie 2020 zur Teilnahme an einer Anti-Korruptions-Demo aufgerufen hatte, wurde sie für kurze Zeit inhaftiert.

Aber wie kann die von ihr beschriebene gewaltsame Weltordnung aufgelöst werden? Auch darauf geht Dangarembga in ihrer Rede ein und fordert etwa einen Wandel vom stetigen „Ich“ hin zum „Wir“ ein. Eine weitere Antwort liegt für sie im Abbau ethnisch determinierter und anderer hierarchischer Denkweisen. „Unsere Entscheidung, was und wie wir denken, ist letztlich eine Entscheidung zwischen Gewalt oder Frieden fördernden Inhalten und Narrativen.“

Und eine Antwort liegt nicht nur, aber auch, in der Sprache. Es werde keine Wunderheilungen für gedankliche Fehler geben. „Was wir tun können ist, unsere Denkmuster zu verändern, Wort für Wort, bewusst und beständig, und daran festzuhalten, bis wir Ergebnisse sehen.“


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