Globale Katastrophe wird real: Radikal gegen den Klima-Crash

Der einflussreiche Klimaforscher Georg Kaser drängt zu drastischen Mitteln, um die Klimakatastrophe noch abzuwenden. Wirtschaft und Bürger müssen bei ihren Emissionen auf null kommen – und das extrem schnell.

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Wenn der Anstieg der Temperatur weltweit auf 1,5 Grad begrenzt werden soll, muss der CO2-Ausstoß bis 2030 um 45 Prozent gekappt werden.
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Von Nina Werlberger

Innsbruck – Überflutungen, Waldbrände, Hitzewellen oder schmelzende Gletscher und Pole: Die Auswirkungen der Klimakrise sind längst spürbar. „Die Entscheidungsträger müssen begreifen, dass hier etwas Dramatisches bevorsteht. Nicht nur für Innsbruck oder für Ischgl, sondern für die gesamte Zivilisation der Menschheit“, warnt der renommierte Klimaforscher Georg Kaser vor dem Klimagipfel COP26 im Gespräch mit der TT. Die Zeit dränge, weil die Erderwärmung viel schneller voranschreite, als das noch beim Beschluss der Pariser Klimaziele 2015 angenommen wurde. Daher brauche es jetzt auch viel ambitioniertere Strategien im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Die weltweiten Emissionen müssten innerhalb von zehn bis 15 Jahren auf null gesenkt werden, betont Kaser.

Der Zustand der Welt könne nur dann noch stabilisiert werden, wenn die Erderwärmung nicht über 1,5 oder maximal 2 Prozent hinausgehe. „Es muss gelingen! Anderenfalls müssen wir akzeptieren, dass wir einen Total-Crash machen“, sagte der Klimaforscher. Nachsatz: „Alles, was über zwei Grad hinausgeht, ist das Ende dessen, was wir uns von der Welt vorstellen.“

Der Südtiroler ist Mitglied im Weltklimarat der UNO und eine Koryphäe auf dem Gebiet der Gletscherforschung. In Glasgow gehe es um viele Details, die für die Umsetzung des Pariser Abkommens nötig sind – insbesondere auch um die Finanzierung. Wichtig sei, den Geldfluss von den größten Verursachern zu den größten Opfern zu lenken, sagt Kaser.

Wirtschaft in der Pflicht

Wie kann es aber gelingen, das Ruder noch herumzureißen? Kaser nimmt vor allem die Wirtschaft in die Pflicht. Sie müsse „ihre alten Konzepte über Bord werfen“ und bei den Emissionen auf null kommen. Die Politik müsse nachziehen und für die Gesellschaft die Rahmenbedingungen schaffen. Ohne eine fundamentale Umgestaltung der Gesellschaft gehe das nicht, sagt Kaser. Jeder einzelne Bürger müsse beim CO2-Ausstoß auf null kommen. „Es wird ganz viele Einschnitte ins Privatleben geben“, prognostiziert er. Am meisten werde es wehtun, wenn das Autofahren oder der schnelle Konsum nicht mehr uneingeschränkt möglich sein werden. Auch das Wegwerfen von Dingen müsse künftig „wahnsinnig viel Geld kosten“, so Kaser.

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Dass ein solcher Umbau der Gesellschaft vor allem die sozial Schwachen treffen würde, glaubt Kaser nicht. „Wer im Luxus lebt, wird tiefere Einschnitte erleben als jene, die nichts haben. Natürlich wird man auch helfen müssen“, sagt der Forscher. Nachsatz: „Politiker missbrauchen dieses Armer-Mann-Thema.“ Die Konsequenzen würden schon sehr bald spürbar werden.

Und wie beurteilt der Experte Österreichs Beitrag zum Klimaschutz? Vor dem Amtsantritt von Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) sei die „österreichische Performance katastrophal schlecht“ gewesen, attestiert Kaser. Gewesslers Anstrengungen jetzt seien zwar „ganz toll“, aber sie kämen viel zu spät. „Es reicht alles nicht. Auch der europäische Green Deal kommt 20 Jahre zu spät“, sagt der Klimaforscher. Selbst wenn man ab sofort keinerlei CO2 mehr ausstoßen könnte, würde man erst in 20 Jahren merken, ob sich die Lage einpendele. Es müsse folglich „ganz schnell und radikal“ eingegriffen werden. Kaser: „Jedes Kilogramm CO2, das jetzt noch ausgestoßen wird, ist zu viel.“

In Glasgow brennt die Zukunft der Kinder

Aktivisten setzen vor dem Gipfel ein Segelboot in Brand.
© imago

Der Weltklimagipfel in Schottland wird auch von Protesten flankiert. Aktivisten der „Ocean Rebellion“ haben sich im Vorfeld als Premierminister Boris Johnson maskiert und in der Nähe des Veranstaltungsortes ein Segelboot in Brand gesetzt. Auf dem Schild war zu lesen: „Die Zukunft eurer Kinder“. Symbolisch wurden auch Bündel von Geldscheinen verbrannt. Die Szene repräsentiert, was die Protestierenden in Großbritannien der Regierung vorwerfen: einen kompletten Mangel an Zielsetzungen im Klimakampf.

Mit einem Tyrannosaurus Rex in der Generalversammlung in New York wirbt derweil die UNO vor der Weltklimakonferenz für mehr Engagement im Kampf gegen den Klimawandel. Der Rat des Dinos an die Menschen lautet schlicht: „Nicht aussterben!“ (TT, APA, dpa)


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