Streicheln beim Stricheln: Paul Flora in der Albertina

Nichts Neues, aber Bekanntes neu entdecken: Die Albertina widmet Tirols Meisterzeichner Paul Flora zum 100. eine Retrospektive.

  • Artikel
  • Diskussion
Die Zeichnung „Im Regen“ von 1946 ist eines der frühen Gustostückerln der Flora-Retrospektive.
© Nachlassv. Flora

Von Barbara Unterthurner

Wien – Auch wenn er international als Karikaturist bekannt war, sah er sich immer als reinen Zeichner. Mit der Feder bewaffnet, vorsichtig, nie unsicher in der Linienführung, bannte er auf Papier, was ihn umgab oder seiner Traumwelt entsprang. Mit jedem Blatt entstand ein unverkennbarer Paul Flora. Vor inzwischen zwölf Jahren ist der Künstler verstorben, kommendes Jahr hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert. Für die Albertina mit ihrer grafischen Sammlung von Weltrang ein perfekter Anlass, um den Tiroler schon jetzt als Meisterzeichner zu feiern. Erstmals in der umfassenden Retrospektive, die, wie der Titel schön verrät, rein aus „Zeichnungen“ besteht. Gestern Abend wurde die Schau virtuell eröffnet, bis ins anstehende Geburtstagsjahr hinein ist sie analog zu sehen.

Es gebe wenige Künstler, die sich rein auf die Zeichnung konzentriert hätten, betont Kuratorin Antonia Hoerschelmann anlässlich des gestrigen Pressegesprächs. Und noch weniger, deren Oeuvre dennoch so facettenreich ist. Rund 100 Facetten, also 100 Blätter, lassen sich nun in sechs Sälen der Albertina genauer inspizieren. Darunter etliche der klassischen Flora-Motive. Hoerschelmann hat dafür auch eine sehr klassische Ausstellung gebaut – eine, in der sich die Entwicklung des Flora-Strichs chronologisch verfolgen lässt. Geschöpft hat sie dafür aus drei Quellen: Aus der Sammlung der Familie in Innsbruck bzw. Salzburg sowie aus dem hauseigenen Grafikdepot. Rund 100 Arbeiten, Zeichnungen sowie Druckgrafik, befinden sich dort. Seit 1945 sammelt die Albertina Flora. Rund ein Drittel der Sammlung ist aktuell Teil der Retrospektive.

Den Anfang bildet „Mississippi“, das Flora als Vierzehnjähriger fertigt. Der 1922 in Glurns geborene Paul fällt ja schon am Gymnasium, das er nach dem Umzug der Familie in Innsbruck besucht, als Talent mit dem Stift auf. Das verhalf ihm bereits mit 16 Jahren an die Universität, später an die Münchner Akademie, wo er die Arbeit von Paul Klee, Lyonel Feininger, Picasso und natürlich Alfred Kubin in sich aufsog.

Deren Einflüsse sind in den besonders reizvollen frühen Arbeiten deutlich spürbar, wo Floras Ballone (in „Ohne Titel (Drei Ballone, 1950“) eben vor allem zur Konzentration auf geometrische Formen dienen und die präzise „Himmelserscheinung“ (1951) für die ab- solute Reduktion steht. Es bleibt nur noch die Linie der Feder, die „haucht und flüstert“, beschrieb Erich Kästner Floras Arbeiten einmal. Und: „Sie streichelt, wenn sie strichelt.“

3 x Futterkutter-Kochbuch zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Neben wenigen Zitaten von Kästner oder Karl-Markus Gauß – mit beiden hat Flora zusammengearbeitet – verzichtet die Ausstellung auf jegliches Beiwerk, künstlerische Vergleiche werden nur im begleitenden Katalog gezogen. Der Picasso hängt in der Albertina aktuell ja auch nur eine Modigliani-Schau weiter. Nein, „Zeichnungen“ bleibt ganz klar Flora gewidmet. Flora als Zeichner.

Besonders aus Tiroler Sicht gibt es da also wenig Neues zu entdecken, eher Bekanntes neu zu entdecken. Die ab den 1980ern sparsam kolorierten Motive („Husaren im Nebel“, 1980), die düsteren Venedig-Szenen samt der „Pestdoktoren“ in all ihren Varianten; da ein bisschen „Tristezza“ (1987), dort ein „Scheuchenwinter“ (2005) und viele „Rabengewimmel“ (2005). Viel Erklärung braucht es bei seinen Motiven nicht. Und die Entwicklung ist vorgezeichnet: Die Schraffur wird intensiver, die Raben persönlicher.

Was man in der Albertina-Schau inzwischen ein wenig vermisst, sind Floras bissige politische Kommentare. Gemeint sind seine Karikaturen – gefertigt ab den 60ern u. a. für die Hamburger Zeit, aber auch für die TT. Zuletzt 2016 wurde Flora in den Tiroler Landesmuseen als Karikaturist sorgfältig durchdekliniert, auch dank des Zeichungenschatzes der Klocker-Stiftung. Die Albertina lässt diesen Aspekt aus, auch weil das Karikaturmuseum Krems den Karikaturen ab Februar 2022 einen Schwerpunkt widmen wird. In Tirols Museen steht Floras Hunderter bisher noch auf keinem Ausstellungsprogramm.


Kommentieren


Schlagworte