Klimakonferenz in Glasgow beginnt: Johnson sieht Menschheit "1:5 hinten"

Die Staats- und Regierungschefs ringen beim Klimagipfel in Glasgow um konkrete Maßnahmen, um den Klimawandel einzudämmen. Der britische Premierminister bediente sich im Vorfeld eines Vergleichs aus dem Sport, um die Dringlichkeit zu verdeutlichen.

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Das Momentum für Klimaschutz sei groß wie nie zuvor, heißt es im Vorfeld des Klimagipfels in Glasgow.
© ANDY BUCHANAN

Glasgow – Kurz vor Beginn der UNO-Klimakonferenz COP26 hat der britische Premierminister Boris Johnson eine Aufholjagd beim Klimaschutz gefordert. "Die Menschheit, als Ganzes, liegt zur Halbzeit 1:5 hinten", sagte Johnson am Samstag auf dem Flug zum G20-Gipfel in Rom. "Wir haben die Möglichkeit, auszugleichen, die Position zu retten, zurückzukommen, aber es wird eine Menge Kraft kosten", sagte der Regierungschef, wie britische Medien berichteten.

Die COP26, die an diesem Sonntag im schottischen Glasgow beginnt, sei die letzte Möglichkeit, einen Anstieg der Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu verhindern.

Johnson warnt vor Geschwindigkeit des Klimawandels

Johnson verwies auf die Geschichte. "Wenn etwas schief geht, kann es mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit schief gehen", sagte er. "Das hat man beim Fall des Römischen Reichs gesehen, und ich fürchte, dass wir auch einen Absturz unserer Zivilisation, unserer Welt sehen könnten, falls wir es nicht schaffen, den Klimawandel zu bekämpfen."

Johnson sagte, das Beste, das in Glasgow passieren könne, sei, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken - und auch dies werde sehr schwierig. "Wir werden den Klimawandel nicht so bald stoppen und wir werden ihn sicherlich nicht bei der COP26 stoppen." Es werde "äußerst schwierige" Verhandlungen zwischen den Entwicklungsländern und reicheren Staaten geben, beim Ziel, den CO2-Ausstoß zu senken.

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Sechs Jahre nach Paris soll Umsetzung garantiert werden

Zum Auftakt der COP26 in Glasgow sollen im Gegensatz zu vergangenen UN-Klimakonferenzen zahlreiche Staats- und Regierungschefs gleich zu Beginn als Impulsgeber agieren. Das Treffen gilt sechs Jahre nach Paris als entscheidend, den Klimavertrag von 2015 in die Tat umzusetzen. Und so wird neben der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Joe Biden für Österreich auch Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) am 1. und 2. November am World Leaders Summit teilnehmen.

Ebenso haben Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und Indiens Regierungschef Narendra Modi ihre Teilnahme für Montag und Dienstag geplant. Beim hochrangigen Teil der COP26 wird Schallenberg kommenden Montag im Rahmen eines Plenums eine Rede zum Klimaschutz halten, auch nimmt er an einem Empfang für die Staats- und Regierungschefs mit Mitgliedern der britischen königlichen Familie teil. Am Dienstag ist dann ein Arbeitsfrühstück mit dem britischen Premierminister Boris Johnson sowie der schottischen First Minister Nicola Sturgeon auf der Agenda. "Coal, Cars, Cash and Trees" sind die vier Bereiche, die laut Johnson für dringenden Handlungsbedarf sorgen.

Schallenberg: Staaten nehmen Bedrohung ernst

Im Vorfeld der COP26 hielt Schallenberg die Notwendigkeit eines globalen und gesellschaftsübergreifenden Vorgehens fest: "Die Abhaltung des Weltklimagipfels sendet ein wichtiges Signal, dass die internationale Staatengemeinschaft die Bedrohung durch den Klimawandel sehr ernst nimmt. Österreich und die Europäische Union haben sich bereits sehr ambitionierte Klimaziele gesetzt. Den Klimawandel können wir aber nur gemeinsam mit anderen globalen Playern wie den USA oder China erfolgreich bekämpfen". Dazu brauche es auch einen engen Schulterschluss zwischen öffentlicher Hand und dem Privatsektor, denn ohne Innovationen werden die ehrgeizigen Klimaziele nicht erreichbar sein, "klar ist auch, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum dürfen einander nicht ausschließen, sondern müssen und werden sich ergänzen", erläuterte Schallenberg.

Begleitet wird der Bundeskanzler vom Präsidenten der Industriellenvereinigung (IV), Georg Knill. Der IV-Präsident betont, "Innovation und Technologie sind die unverzichtbare Voraussetzung für nachhaltigen Klimaschutz. Die Industrie bekennt sich zu den Pariser Klimazielen und zur Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts", Es sei erfreulich, dass diese wichtige Rolle der Industrie nun auch im Rahmen einer UN-Klimakonferenz als solche definiert wird." Am Rande des Weltklimagipfels sind auch bilaterale Treffen des Bundeskanzlers, zum Beispiel mit dem georgischen Premierminister Irakli Gharibashvili, vorgesehen.

Momentum für Klimaschutz groß wie nie zuvor

In Glasgow sollte jedenfalls Schwung in den Klimaschutz kommen, denn spätestens jetzt müssen sich die Staaten zu verstärkten Bemühungen verpflichten: "Das ist definitiv ein entscheidendes Treffen. Denn rund um den Globus ist das politische Momentum für den Klimaschutz so groß wie nie zuvor", sagte der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol. "Wenn wir diesen Schwung in Glasgow nicht nutzen, dann werden wir alle zusammen eine extrem wichtige Chance verpassen." Die nächsten Jahre gelten als entscheidend, wenn das Paris-Ziel noch erreicht werden soll. Bei den Verhandlungen von 197 Staaten geht es um die weitere Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, das eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei, möglichst aber 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter vorsieht. Derzeit steuert die Erde nach UN-Angaben aber auf eine gefährliche Erwärmung um 2,7 Grad zu.

📽️ Video | Klimawandel: G20-Staaten kündigen Maßnahmen-Paket an

Weltklimarat mit Weckruf

Ein neuer Weckruf zur Klimakrise erfolgte vor rund drei Monaten mit der Vorstellung des Berichts des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change): Die Erde werde sich bei der derzeitigen Entwicklung bereits gegen 2030 um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmen und damit zehn Jahre früher als 2018 prognostiziert. Sowohl die alarmierenden wissenschaftlichen Prognosen, wie auch die bereits gegenwärtigen Auswirkungen der Klimakrise in Form von Waldbränden, Dürren und Unwettern, die 2021 in besonderem Ausmaß aufgetreten sind.

Auch dies hat dazu beigetragen, dass die Konferenz nicht allein den Umweltministern - wie sonst üblich - überlassen wurde. Bereits davor wird das der Treffen Wirtschaftsmächte an diesem Samstag zum zweitägigen G20-Gipfel in Rom unmittelbar vor der Glasgow-Konferenz eine wesentliche Rolle spielen und Signalwirkung auf den weiteren Verlauf der UN-Klimakonferenz haben. (TT.com, APA, dpa)


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