Wien-Anschlag: Zweite Hilfe für die Opfer des Terroristen
Zum Jahrestag des Anschlags in der Wiener Innenstadt nimmt der Terroropferfonds seine Arbeit auf.
Von Wolfgang Sablatnig
Wien –Am Abend des 2. November des Vorjahres hat ein islamistischer Attentäter in den Gassen des Wiener Bermudadreiecks um sich geschossen. Er tötete vier Menschen. Zahlreiche weitere erlitten physische und psychische Verletzungen. Viele Wunden blieben. Ein eigener Fonds soll für die Opfer zumindest angemessenes Schmerzensgeld sicherstellen. Er startet in diesen Wochen mit seiner Arbeit.
Für den neuen Fonds stellt das Sozialministerium vorerst 2,2 Millionen Euro zur Verfügung. Über die Vergabe entscheidet auf Basis von Gutachten ein fünfköpfiges Gremium. Die Besetzung ist prominent: Udo Jesionek ist früherer Gerichtspräsident und leitet die Opferhilfeeinrichtung „Weißer Ring“, die auch die Abwicklung übernimmt. Die Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner ist als Sachverständige und Expertin bekannt. Der Jurist Ronald Rohrer leitete die Tiroler Ischgl-Untersuchungskommission. Maria Berger war Justizministerin (SPÖ) und Richterin am Europäischen Gerichtshof (EuGH). Die Chirurgin Maria Gstaltner leitet eine Reha-Einrichtung und ist Gerichtssachverständige.
Der Fonds ist genauso beispiellos wie das Verbrechen vom 2. November 2020, sagt Brigitta Pongratz vom „Weißen Ring“. Ansprüche anmelden können Personen, die vom Sozialministerium bereits eine Leistung nach dem Verbrechensopfergesetz erhalten haben.
Das Gesetz sieht aber eine Deckelung der Beträge vor. Die aktuelle Zwischenbilanz des Ministeriums: 76 Personen haben rund 170.000 Euro bekommen. 124.000 Euro davon flossen unter dem Titel Schmerzensgeld.
Der neue Fonds orientiert sich hingegen an den höheren Beträgen, die Gerichte als Ansprüche gegen den Attentäter zuerkennen würden. Vorgesehen ist, Fall für Fall einzeln zu entscheiden. Der Fonds springt außerdem ein, wenn die Kosten für Überführung und Begräbnis der Todesopfer höher waren als im Verbrechensopfergesetz höchstens vorgesehen.
Gremium und Fonds sollen vorerst bis Ende nächsten Jahres arbeiten. Der „Weiße Ring“ als Opferhilfeverein bietet den Betroffenen aber auch Beratung und Betreuung, betont die Vertreterin der Organisation. Mehr als 50 Personen haben dieses Angebot nach dem Terroranschlag auch in Anspruch genommen.
Pongratz will auch nicht ausschließen, dass sich noch Personen melden, die bisher keine Ansprüche angemeldet haben. Psychische Verletzungen würden oft erst später zur Belastung. Pongratz: „Jeder, der sich als betroffen erlebt, kann sich an uns wenden. Wir wollen Menschen, die Hilfe brauchen, diese Hilfe auch anbieten.“