Leben um die Leberwurst: „Der Selbstmörder“ am Burgtheater

Im Burgtheater möchte man Nikolai Erdmans Komödie „Der Selbstmörder“ überlustig reanimieren. Das gefällt nur bedingt.

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Florian Teichtmeister (2. v. r.) wird als williger Selbstmörder Semjon bedrängt.
© Matthias Horn

Von Stefan Musil

Wien – Arbeitslos in der Sowjetunion. In Nikolai Erdmans „Der Selbstmörder“ darf das sein. Erdman schrieb die Komödie 1928. Da hatten 1922 die Bolschewiken gerade die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gegründet, Stalin war Generalsekretär geworden, die Industrialisierung des Landes hatte begonnen und 1927 wurde der erste „Fünfjahresplan“ präsentiert. Das bedeutete auch das Ende der „Neuen Ökonomischen Politik“, die seit 1921 ein bisschen Marktwirtschaft zart blühen ließ. Das Burgtheater hat in der Regie des Duos Peter Jordan und Leonhard Koppelmann das Stück, das erst 1969 auf Schwedisch, 1970 auf Deutsch uraufgeführt wurde, jetzt in rotzfrischer Neuübersetzung auf die große Bühne gebracht. Die 1932 vorbereitete Uraufführung hatte Stalin verboten. Ein Jahr später wurde Erdmann für ein Stalin-Gedicht nach Sibirien verbannt, später frettete er sich mit Operetten- und Revuelibretti sowie Stücken für den Zirkus durch, starb 1970 in Moskau.

„Der Selbstmörder“ erweist sich als absurder Spaß, als Zeitstück aus einer kurzen Hochblüte der sowjetischen Satire, und wohl ein Fressen für alle Intim-Kenner der frühen Sowjetgeschichte. Jordan und Koppelmann versuchen daraus auch für ein heutiges Publikum Funken zu schlagen. Die geraten eher dunkel. Das Regie-Duo steckt das „Selbstmörder“-Personal als tätowierte, Punk-Grufties in die Tiefen neben einen U-Bahn-Schacht. Im dunklen Verließ müssen die großartigen, fitten Schauspieler den Text hyperaktiv durchhecheln und dazu wie in einem Buster-Keaton-Film auf schnellem Vorlauf herumturnen. Das ermüdet bald.

Dabei geht es im Stück zunächst um Wurst, als der arbeitslose Semjon seine schwer arbeitende Frau weckt, weil ihm nach Leberwurst gelüstet. Das gibt Ehekrach, Semjon geht sich die Wurst holen, aber seine Frau glaubt, er wolle Selbstmord begehen. Das Gerücht verbreitet sich schnell, und die Demagogen diverser Systeme treten auf den Plan, um den willigen Selbstmörder als Held, der, weil bald tot, frei die Meinung sagen kann, zu vereinnahmen: ein Intellektueller, ein orthodoxer Priester, ein Fleischer und andere. Florian Teichtmeisters Semjon steht stark und sympathisch inmitten, als unbeschwert, naiv lebensfroher Mensch, der natürlich zu feige ist, sich die Kugel in den Kopf zu jagen, aber auch zu lebensklug, um sich vereinnahmen zu lassen. Weder von Frau (Lilith Häßle) und Schwiegermutter (Katharina Pichler) noch von den anderen absurden Gestalten wie Dietmar König als Vertreter der alten russischen Intelligenz oder von Tim Werths als effeminiertem Pope. Genauso wenig vom Schießbudenbesitzer (Markus Hering), vom die rote Fahne schwingenden Fortschrittsgläubigen, noch vom selbstständigen Fleischer (beide Bardo Böhlefeld) oder der nach der wahren Liebe suchenden Kleopatra Maximovna (Alexandra Henkel). Sie alle, am Ende herzlich beklatscht, geben dem manchmal ziemlich durchhängenden Abend erst Kraft und Witz. Am Ende bekennt sich Semjon zum Leben, das er unter allen Bedingungen liebt. Hauptsache, er kriegt seine Leberwurst.

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