„Die Zauberflöte" am Tiroler Landestheater: Einen Jux hat er sich gemacht

Premiere von Mozarts Opern-Klassiker „Die Zauberflöte“ am Tiroler Landestheater. Schauspieler Gregor Bloéb hat in seiner ersten Opernregie richtig viel Spaß und wir mit ihm.

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Eiseskälte macht sich breit. Sophia Theodorides als Königin der Nacht mit stark ausgeprägten Rachegelüsten.Fotos: Tiroler Landestheater/Birgit Gufler
© Tiroler Landestheater/Birgit Gufler

Von Markus Schramek

Innsbruck – Achtung, Vorwarnung! Es folgt eine selbstgestrickte Arbeitshypothese, um der Premiere von Mozarts märchenhafter Oper „Die Zauberflöte“ vorgestern im Tiroler Landestheater einigermaßen gerecht zu werden.

Die Hypothese lautet: Auch bei der millionsten Bearbeitung des immer gleichen Stoffes geht Mozarts unsterbliche Musik dermaßen ans Herz – für all jene, die es am rechten Fleck tragen – , dass rundherum auf der Bühne die Devise „Traut euch was!“ durchaus eine Option darstellt.

Gregor Bloéb erlaubt sich mit der alten Dame „Zauberflöte“ einen Jux. Der Schauspieler nimmt sich mit seiner ersten Opernregie einiges heraus, um nicht zu sagen: alles. Beim Treiben zwischen den allseits beliebten Gassenhauer-Arien kennt er keine Tabus. Es wird geblödelt, persifliert und Mozarts Vorlage, in der jeder gut gewillte Topf schließlich doch seinen Deckel findet, mit schrägem Humor à la Monty Python zu Leibe gerückt.

Zwischendurch darf’s auch ein bisserl Yoga sein. Papageno (Philippe Spiege­l, l.) und Tamino (Jon Jurgens) in mutmaßlicher „Baum“-Stellung.
© Tiroler Landestheater/Birgit Gufler

Sprechgesang, Rezitative – wer braucht so etwas lähmend Langweiliges? Bei Bloéb hänseln sich die SängerInnen in Dialogen wie im richtigen Leben, und sie sind damit auch schauspielerisch gefordert. Oper trifft Volkstheater. Schon erstaunlich, wie gut das funktioniert.

Wir befinden uns in Tirol, daran müssten wir, vom Föhn durchs Wochenende gebeutelt, eigentlich gar nicht groß erinnert werden. Bloéb tut’s trotzdem: Er lässt den grell gefiederten Papageno (köstlich: Philippe Spiegel) sein Berufsbekenntnis „Der Vogelfänger bin ich ja“ mitsamt Juchezer und Schuhplattler in die Runde trällern.

Klamauk bleibt Trumpf. Prinz Tamino (ordentlich: Jon Jurgens) verharrt auf der Suche nach Pamina (einfach grandios: Susanne Langbein) minutenlang im Yoga-Sitz. Schlumfpartige Wesen in weißen Windelhosen erleben einen viel belachten Tänzel-Auftritt. Und als sich der amouröse Schwerenöter Papageno und seine Papagena (Annina Wachter) schließlich finden, regnet es Plüschviecherln vom Himmel, ob all der erhofften Kinderlein.

Eine ganz harte Nuss hat Johannes Maria Wimmer als Tempel-Chef Sarastro, mithin die moralische Instanz schlechthin, zu knacken. Auf abartig hohen Plateauschuhen stakst er über die Bühne, damit er gewissermaßen auch optisch über den Dingen steht. Zu Beginn des 2. Aufzugs gibt Sarastro-Wimmer gar den Elvis: Gehüllt in ein blutrotes Ganzkörperkondom, posiert er vor der Menge, schnappt sich ein Mikro und singt, nein, nicht „Are you lonesome tonight?“, sondern „O Isis und Osiris“.

Bei so viel Geblödel gerät das hervorragend getunte Tiroler Symphonieorchester Innsbruck mit Dirigent Andrea Sanguineti unverdient etwas in den Hintergrund. Die mit Koloraturen gespickte Rache-Arie („Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“) rückt die Kräfteverhältnisse aber wieder ins Lot. Sophia Theodorides meistert diese Arie als Königin der Nacht mit Bravour, traumwandlerisch sicher, packend und megadramatisch. Kalt bis ins verbitterte Herz, zieht sie eine riesige, eisig-blaue Schleppe über den Bühnenraum – nach ihr die Sintflut. Es ist dies ein auch optisch starker Moment auf einer Bühne, die ohne großen Schnickschnack auskommt (Bühne und Kostüme: Laura Malmberg und Paul Sturminger, Sohn von „Jedermann“-Regisseur Michael Sturminger).

Nach dem Vorhang applaudiert sich Gregor Bloébs Promi-Bruder Tobias Moretti die Hände warm, einen breiten Grinser im Gesicht. Er befindet sich damit in Gesellschaft Hunderter weiterer Premierengäste, das Große Haus johlt und tobt. Mozart-Puristen, sofern anwesend, ziehen es vor, unerkannt zu bleiben. Buhrufe sind nicht zu hören.

Gregor Bloéb ist mit seiner rotzfrechen Art eine „Zauberflöte“ geglückt, die Spaß macht und blendend unterhält. Mozart, ebenfalls kein Kind von Traurigkeit, hätte seine Freude daran gehabt.


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