Experte Sieren: „China macht gerade erst die Aufwärmübungen“

Chinas Wirtschaft ist enorm innovativ, sagt China-Experte Frank Sieren. Europa müsse wirtschaftlich stark bleiben, um noch eine Rolle zu spielen.

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Frank Sieren (r.) im Gespräch mit TT-Chefredakteur Alois Vahrner: Chinas enormer Innovationsschub führe zu einem „historischen Umbruch“ im globalen Kräfteverhältnis.
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Innsbruck – Der deutsche Journalist und China-Experte Frank Sieren sieht Asien dem Westen davoneilen. „Wir erleben eine Verschiebung des wirtschaftlichen Machtzentrums von Westen Richtung Asien“, analysierte Sieren gestern im Rahmen des Tiroler Wirtschaftsforums. Während sich der Westen in den vergangenen Jahrhunderten seine Macht großteils über Eroberungen, Kolonialisierung oder Kriege gesichert habe, spiele sich der globale Machtkampf nun mit den Mitteln der Wirtschaft ab, und zwar und insbesondere im Bereich der Innovation. China nutze dies aber viel besser aus als beispielsweise Europa, so sein Befund: „In den 1990er-Jahren wurde China mit Unterstützung des Westens zur Fabrik der Welt. Das war für Europa zwar ganz angenehm. Man hat aber unterschätzt, wie innovativ China ist“, so Sieren. Inzwischen gebe es in China Regionen bzw. Wirtschaftscluster, die bereits wettbewerbsfähiger sind als das Silicon Valley in den USA. „In solchen Clustern ist ein enormer Innovationsschub im Gang, von Batterien für E-Autos über autonom fahrende Autos, Drohnen bis hin zur Entwicklung von ,fleischlosem Fleisch‘“, schildert der China-Spezialist.

Frank Sieren: Europa muss wirtschaftlich stark sein, um auch politisch gehört zu werden.
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Diese Innovationskraft bedeute einen „historischen Umbruch“ im Kräfteverhältnis. Angesichts dieser Entwicklung könne China künftig in der Position sein, internationale Standards und Normen vorzugeben, was bisher dem Westen vorbehalten war. Dabei stehe China bei der Entwicklung seiner Wirtschaftskraft erst am Anfang. „Das sind erst die Aufwärmübungen. Chinas Pro-Kopf-Einkommen liegt noch unter jenem von Rumänien. Da ist also noch viel Raum nach oben.“ Und auch den Klimawandel oder der große Bereich der Digitalisierung lasse sich ohne China nicht mehr diskutieren.

Europa müsse aufpassen, in diesem neuen globalen Gefüge wirtschaftlich mitzuhalten „Wir müssen wirtschaftlich stark bleiben, um auch politisch stark zu sein. Nur wenn wir wirtschaftlich stark sind, sitzen wir noch mit am Verhandlungstisch“, warnt Sieren. Für Europa bedeute dies aber auch, sich auf eigene Beine zu stellen. Die Zeiten des „fraglosen Westbündnisses“ seien vorbei, glaubt Sieren. Europa müsse sich je nach Thema und gemeinsamer Schnittmenge auch wechselnde Kooperationen nicht nur mit China, sondern auch mit Russland suchen. Derzeit werde Russland angesichts der Sanktionen in die Arme Chinas getrieben. „Man muss dabei natürlich immer wachsam bleiben. Aber wenn wir gar nicht kooperieren, geraten wir ins Hintertreffen.“

Der chinesische Staatsapparat vollziehe einen Spagat zwischen Kontrolle und Innovation. Die staatliche Zerschlagung des Alibaba-Konzerns würden viele Chinesen gutheißen. Denn Alibaba habe lange nur deshalb wachsen und eine Monopolstellung schaffen können, weil China die US-Konkurrenz durch Amazon und Co. praktisch aussperrte. Das habe letztlich aber dazu geführt, dass der Alibaba-Gigant sämtliche Start-ups aufkaufen und aus dem Weg räumen konnte, die sich als potenzielle Konkurrenten herauskristallisierten. Durch die staatlichen Eingriffe gegen Alibaba könnten nun auch andere Unternehmen gedeihen, meint Sieren.

Auch im Skisport hole China auf. Von den Olympischen Winterspielen in Peking 2022 erwartet sich Sieren einen weiteren Schub: Im Himalaya-Gebiet soll ein „gigantisches“ Skigebiet entstehen. (TT)


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